Presse

Ein gewagtes Experiment

Darsteller des Winterstücks „Frühlings Erwachen“ wurden bei Premiere gefeiert

Bedrückende Stimmung und gespannte Stille in der Cinemaja-Bühne. Das gesellschaftskritische Drama „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind wühlt auf, macht nachdenklich und emotional. Schwere Kost. Nichtsdestotrotz sind am Samstag viele Besucher zur Winterstück-Premiere des Theaters im Steinbruch gekommen und am Ende gab`s stehende Ovationen.

Wedekinds Tragödie aus dem Jahr 1891, die von Jugendlichen erzählt, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen und Themen wie erste Liebe, sexuelle Gewalt, Suizid und Abtreibung behandelt, sorgte im ausgehenden 19. Jahrhundert für großes Aufsehen und Empörung. Der Grund, weshalb das Stück erst 1906 uraufgeführt wurde. Wegen seiner angeblichen Obszönität war es verboten oder wurde zensiert. Heute ist „Frühlings Erwachen“ in Deutschland, Österreich und in der Schweiz eine verbreitete Schullektüre. 1923 wurde das Drama erstmals verfilmt. Der Tenor des Stückes: Die Jugendlichen Wendla (Franziska Bosch), Melchior (Gunter Hauß), Moritz (Benedikt Bachert), Martha (Jasmin Baumgratz), Thea (Simone Bockstahler), Ilse (Silvia Gschwendtner), Hänschen (Pascal Jessen) und Ernst (Marius Bürklin) wachsen in einer Gesellschaft auf, in der individuelle Freiheit und Entfaltung durch Machtausübung, Gewalt und Unterdrückung unterbunden werden. Wichtige Themen die zum Erwachsenwerden dazugehören, wie Liebe, Sexualität, Gefühle und Ängste werden totgeschwiegen und tabuisiert. Die Heranwachsenden werden mit ihren Fragen und Problemen alleingelassen. Daran verzweifeln und zerbrechen sie allmählich. Bei Moritz, einem neugierigen aber schlechten Schüler, führt es letztendlich zum Suizid. Wendla, die nie aufgeklärt wurde, stirbt bei einer Abtreibung. Sie hatte sich zuvor in einer Liebesromanze mit Melchior unbekümmert eingelassen. Und selbst der intelligente, aufgeklärte Gymnasiast Melchior, einzig wirklicher Freund von Moritz, bekommt aufgrund seines fortschrittlichen Denkens am Ende große Probleme. Er muss in eine sogenannte Korrektionsanstalt. Martha erfährt sexuelle Übergriffe im Elternhaus, wird vom Vater geschlagen und die Mutter schaut weg. Hänschen und Ernst führen eine heimliche Liebesbeziehung. Kurzum, das Stück ist an Tragik nicht zu überbieten.

„Frühlings Erwachen“ ist von eigenen Erlebnissen des Autors und seiner Mitschüler inspiriert. Zwei Mitschüler Wedekinds begingen in den Jahren 1883 und 1885 Suizid. Die Textfassung von Regisseurin Andrea Gerhold beleuchtet die Themen Wedekinds auch aus einer Retrospektive. So wird zusätzlich zum Ist-Zustand eine Ebene der Verarbeitung und Weiterentwicklung eingeführt. Auch heute nach über 130 Jahren habe das Drama nichts von seiner Dringlichkeit verloren. Die Probenarbeit sei für die Darsteller nicht leicht gewesen, aber die Regisseurin habe die Akteure immer wieder dazu angetrieben, ihre Emotionen zu zeigen, betonte Silvia Gschwendtner, Vorsitzende des Theatervereins. „Liebe Andrea, Du hast dieses Experiment mit uns gewagt, uns dabei begleitet und immer wieder aufgefangen“, so die Vorsitzende beim Finale. 

Emmendinger Tor, 21.01.2026

Wie das Theater im Steinbruch in Emmendingen „Frühlings Erwachen“ eindrucksvoll inszeniert

Das Theater im Steinbruch Emmendingen bringt eine reduzierte Fassung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ eindrucksvoll auf die Bühne. Das Drama zeigt die Verzweiflung Jugendlicher in einer strengen Gesellschaft.

Die erste Liebe, Fragen, Zweifel und die Suche nach der Identität, aber auch Gewalt – das sind die Themen in Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“. Das Winterstück des Theaters im Steinbruch ist keine leichte Kost, im Gegenteil. Es zeigt die Verzweiflung junger Menschen in einer Gesellschaft, die keine Antwort auf ihre Fragen gibt, sondern mit Druck, Gewalt und Zwang reagiert und reglementiert.

Neun Stühle, jeweils vier auf jeder Seite der Bühne und einer in der Mitte, dazu eine Schatzkiste voller Erinnerungen und Symbole – mehr braucht es nicht für das Bühnenbild. Nichts lenkt von der Geschichte ab. Der Aufwand für Requisite und Bühnenbild ist minimal, Andrea Gerholds kreative Ideen dominieren. Anders als im Original, gibt es in ihrer Bearbeitung eine Retrospektive: Ihre einfühlsame Inszenierung beinhaltet auch den Blick der mittlerweile erwachsenen Protagonisten auf deren jugendliches Ich, dessen Geschichte sie auf der Bühne zeigen. Und das gelingt hervorragend. Während sich in der Bühnenmitte das jugendliche Ich quält, tauschen die Klassenkameraden von einst beredte Blicke, schütteln die Köpfe über die Kommentare von Eltern und Lehrern. Sie fühlen mit, tun das, was sie als junge Menschen damals gebraucht hätten.

Die haben es alle nicht einfach. Da ist die Szene aus dem Lateinunterricht, die in einer sprechenden Choreografie der vier Schüler mündet – fast ein absurdes Latein-Ballett mit Kopf und Händen, das den überzeichneten, sinnlosen Druck durch die Lehrer verdeutlicht. Schlaggeräusche und die Stimmen der Erwachsenen kommen aus dem Off, eingesprochen von 16 Mitgliedern des Theaterensembles. Fast immer sind es harsche, grobe Kommentare, die die Akteure auf der Bühne zusammenzucken lassen, sich in den entsetzten Gesichtern spiegeln.

Eben noch singen die Mädchen „Du schaffst das schon“, tauschen unbeschwert Klatsch aus und ziehen über die Mitschüler her. Dann schlägt die Stimmung um, die Realität hat sie wieder: Martha (Jasmin Baumgratz) erzählt und spielt plastisch ihre Verzweiflung über die Schläge des Vaters, sie bewegt sich wie kurz vor dem Ausgleiten über die Bühne. Die resolute Thea (Simone Bockstahler) will dagegen vorgehen, auch Wendla (Franziska Bosch) würde gern helfen – doch wo soll das Mädchen hin? Soll sie dem Beispiel von Ilse (Silvia Gschwendtner) folgen, die eindrücklich schildert, wie sie als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde und nun ein freizügiges Leben in einer Künstlerkolonie „erwählt“ hat? Für Martha keine Option.

Derweil gestehen sich ganz vorsichtig und zart Hänschen und Ernst (Pascal Jessen, Marius Bürklin) ihre Liebe zueinander ein. So sanft bahnt sich auch die Beziehung zwischen Wendla und Melchior (Gunter Hauß) an – doch sie endet tragisch. Franziska Bosch spielt überzeugend das Mädchen, das neugierig ist auf die Liebe, keine Antworten bekommt und nicht weiß, wie es sein kann, dass es ein Kind erwartet.

Benedikt Bachert macht als Moritz seine Ängste schier mit Händen greifbar: die Verzweiflung über den schulischen Misserfolg, seine „feuchten“ Träume, derer er sich schämt. Er nimmt sich das Leben. Mit einem Schuss – fast lautlos. Bei der Beerdigung zeigen nur die Jugendlichen Trauer. Die Erwachsenen empören sich, wie man sich nur so vergehen kann gegen die Eltern, die sittliche Ordnung und – was werden die Leute sagen? Und was macht das mit dem Ruf der Schule?

Dort ist auch Melchior, den Gunter Hauß intelligent, nachdenklich, und innerlich zerrissen spielt, nicht mehr erwünscht. Seine zuvor liberalen Eltern stecken ihn in eine Korrektionsanstalt. Als er dort flieht, findet er Wendlas Grab: Sie ist an den Folgen der Abtreibung gestorben.

Es sei für das Team ein Experiment gewesen, sich zu trauen, auf der Bühne die Emotionen zu zeigen, die das Stück auslöse, sagt Vorsitzende Silvia Gschwendtner, „wir haben viel daran gearbeitet, das so auf die Bühne zu bringen“. Zum Mitfühlen, Mitdenken und Zuhören will das Team anregen. Das ist gelungen: Das Stück wird so hautnah präsentiert, dass man fast aufstehen und eingreifen möchte. Das ist nicht vorgesehen – der verdiente Beifall aber schon. Die Premiere war gut besucht, aber nicht völlig ausverkauft. Damit hatte das Theaterteam auch nicht gerechnet angesichts der Themen, sagt Gunter Hauß – und vorsorglich am Eingang Papiertaschentücher verteilt.

Badische Zeitung, 19.01.2026

In Emmendingen wird Wedekinds „Frühlings Erwachen“ inszeniert – mit den Charakteren als Erwachsene

Regisseurin Andrea Gerhold will über den originalen Text hinausgehen. Deshalb haben die Beteiligten ihre Rollen als Erwachsene weiterentwickelt. Das Stück behandelt belastende Themen.

„Frühlings Erwachen“, das Winterstück des Theaters im Steinbruch, geht über das Original hinaus: Die Inszenierung von Andrea Gerhold beleuchtet das mögliche Erwachsenenleben der acht Hauptpersonen und eine Retrospektive aus Erwachsenensicht. Das wurde gemeinsam erarbeitet.

„Das Stück steht schon lange auf meiner To-do-Liste“, sagt Regisseurin Andrea Gerhold. Sie wollte einmal ganz anders herangehen, denn Wedekinds Text von 1891 mache heutzutage manches nicht so ganz klar. Die Rollen der Jugendlichen werden von Erwachsenen gespielt, die im Laufe des Stücks mithilfe von Kostümen und kleinen Requisiten wieder in jugendliche Körper schlüpfen. Es geht auch um die Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden unter repressiven Bedingungen. Die äußere Verwandlung ist das eine. Die innere sei nicht nur inszenatorisch eine Herausforderung: „Alle knabbern dran, die Leichtigkeit und Naivität der Jugend herauszuarbeiten“, sagt Gerhold.

Die Geschichten handeln außerdem vom Scheitern, von Gewalttaten: „Das geht an die Grenze der Spielenden.“ Bei der Beerdigungsszene etwa seien in den Proben Tränen geflossen. Niemand werde deswegen schräg angeschaut: „Diese Akzeptanz, dieses Vertrauen habe ich so noch nicht erlebt.“ Diese Zusammenarbeit sei ein großes Geschenk. Es habe unfassbar viel Spaß gemacht und dazu geführt, dass sich die Spielenden auch privat auf anderer Ebene begegneten.

„Ich wollte nichts draufstülpen“, sagt Gerhold zur Erarbeitungsphase, die rund 30 Prozent des Textes betraf. Jeder bekam ein Schulheft, in dem er alles notieren, seinen Text selbst mitgestalten konnte und sollte. Das Ergebnis ging dann noch ein paarmal hin und her – selbst jetzt sei der Schluss noch offen. Fest steht, dass auch die jungen Menschen, die im Stück sterben, als Erwachsene auf der Bühne stehen werden. „Franziska Bosch hat Wendlas Leben weiterentwickelt, wenn sie nicht gestorben wäre. Und Benedikt Bachert als Moritz ist nach seinem Selbstmord nicht weiter erwachsen geworden, sondern als ‚Geist‘ unter uns“, erklärt Gerhold.

Ende September fand die erste Leseprobe statt, danach gab es Gespräche und Einzelproben – Gerhold ist die Rollenerarbeitung ein großes Anliegen. Daher ist sie wochentags praktisch jeden Abend im Vereinsheim. Für das Team sind es weniger Termine, weil weniger Gesamtproben stattfinden. Aber es gibt nur eine Woche Weihnachtspause. Geprobt wird noch im Vereinsheim. Tee in Thermoskannen, Gummibärchen, Salzstangen und Schokolade auf dem Regietisch, dazu ein minimalistisches Bühnenbild mit Stühlen, ein paar Markierungen auf dem Boden. Ein Wohlfühlstück ist „Frühlings Erwachen“ aber nicht. Deshalb legt Gerhold großen Wert auf das Ankommen im Stück, in der Rolle, spricht über den Atem, lässt die Kiefermuskulatur entspannen.

An diesem Abend proben die vier Schüler, gespielt von Gunter Hauß, Benedikt Bachert, Pascal Jessen und Marius Bürklin. Sie gehen zu Musik durch den Raum, mal tänzerisch, mal im Storchenschritt. „Findet langsam in die Rolle, guckt, wo sie anfängt zu wachsen“, sagt Gerhold. Dazu gehört, sich außerhalb der Schule völlig anders zu benehmen als auf dem Schulhof: „Habe ich alle Hausaufgaben gemacht und von wem könnte ich noch abschreiben?“ Korrekte Kleidung ist wichtig, also ziehen alle schleunigst die Krawatten über die Köpfe, schlüpfen hastig in die Jacken, was mit Cordhemd und ohne steifen Kragen gar nicht so einfach ist. Verschiedene Varianten werden durchprobiert: Erst die Jacke, dann die Krawatte bei allen oder lieber ein bisschen durcheinander? Auch die Choreografie zum Vergil wird geprobt, auf Lateinisch, was die Schüler perfekt beherrschen müssen.

Alle Töne sind noch nicht in der Technik hinterlegt, also übernimmt Gerhold den Part, ruft „Schulglocke“, und los geht‘s. Sie nimmt die Szene auf dem Handy auf, weist auf Abstände und Zeit hin. Nicht symmetrisch genug, zu langsam? Symbole müssen gefunden werden, vielleicht der Rohrstock für den Auftritt des Lehrers. Dessen Stimme wird – wie die aller Lehrer und der Eltern – eingespielt.

Die Texte aus dem Hintergrund wurden an einem Wochenende eingesprochen. Sie im richtigen Moment einzuspielen bedeutet für die Technik eine große Herausforderung. Sie atmet mit, nennt es Gerhold, und das auf Sicht. Das bedeutet Reaktion auf die Mimik, auf ein Augenzwinkern hin. Dafür hat es die Lichttechnik diesmal etwas einfacher. Für alle gilt: „Wir sind eine Amateurbühne, haben aber großen Perfektionismus, aber es ist ein Hobby“, sagt Gerhold. Aber eines, das auf sehr hohem Niveau und mit großem Aufwand betrieben wird.

Badische Zeitung, 11.12.2025