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„Wir sind die Affen und wir machen was wir woll’n“

Beim Dschungelbuch geht’s zur Sache – nicht nur, weil sich die 36 jungen Darsteller des Theaters im Steinbruch schon in den Proben voll ’reinhängen. Premiere ist am Sonntag, 28. Juni.

Nein, das wird kein Remake des Disneyfilms, sondern ein waschechter Kipling. „Viele Leute fragen nach den schönen Liedern aus dem Film“, erklärt Regisseur Benedikt Bachert, „aber ganz abgesehen davon, dass wir die Disney-Version gar nicht verwenden dürften, will ich das auch nicht.“ Der Originaltext ist deutlich härter, eigentlich nicht als Kinderbuch gedacht. „Wir sind die Affen und machen was wir woll’n“ rappen die – und handeln danach.

DAS KONZEPT
Für das Theaterstück nach Rudyard Kiplings Dschungelbuch hat Bachert eine neue Fassung gekauft, wie es sagt; sie eignet sich seiner Ansicht nach besser für Freilichtbühnen als die eher auf Saalbühnen und kleine Ensembles zugeschnittenen Stücke, denn er hat 36 Darsteller zwischen acht und 22 Jahren. Da passt es gut, dass der Autor auch neue Figuren eingebracht hat. Bachert selbst hat die Liedtexte für bekannte Charthits geschrieben – mit Ausnahme des großen Songs der Affen, der ist Original Kipling.

Überhaupt, die Affen. Sie sind in Bacherts Version impulsiver, größenwahnsinniger, eben deutlich böser als in der Disney-Version – wer das Buch kennt, wird das wiedererkennen. Übrigens trägt keines der Kinder und Jugendlichen ein Fellkostüm, und das nicht nur aus Temperaturgründen. „Ich mag keine Ganzkörperfelle“, sagt Bachert. Selbst auf Schminke verzichtet er weitgehend. Die Zuschauer sollen nicht das Tier sehen, sondern die Eigenschaften der Rolle. Da wird Bär Balou etwas sportlicher, frischer und emotionaler, nicht so gemütlich; Shere Khan wird sehr elegant sein und die Affen bekommen zwar recht viel Fell umgehängt und zerzauste Rasta-Perücken auf die Köpfe, doch sie zeigen auch viel Haut: Die jungen Darsteller sollen sich nicht im Kostüm verstecken, sondern ihre Rollen spielen.

Es wird temperamentvoll und auch mal handfest zugehen auf der Bühne. „Ich wusste, ich habe die großen Jungs, die das können“, sagt Bachert zu den Kampfszenen. Die fordern auch ihm hohen körperlichen Einsatz ab: Immer wieder springt er für einen verhinderten Darsteller ein. An diesem Abend übernimmt er die Rolle des Panthers Bagheera, den die Affenhorde schier zerreißt. An deren Darstellerin dürfen die „Affen“ nicht so herumziehen, mahnt der Regisseur. Aber es muss aussehen, als ob – für das Publikum.

DIE PROBEN
Immer diese Affen: In einem Tanz zeigen sie ihren Übermut. Jasmin Baumgratz, die die Hauptrolle im Erwachsenestück spielt, macht es vor – da sieht die Schrittfolge ganz leicht aus. Doch auf dem Rasen davor muss die Affenhorde ja durcheinanderwirbeln, „das Knäuel muss dichter werden“, fordert sie. Nicht ganz einfach, denn einige Kinder waren in den Pfingstferien und haben daher ein paar Probentermine versäumt; sie müssen nun erst integriert werden. Dabei helfen die anderen kräftig mit: „Du warst zu weit da…“ signalisieren sie einander die richtige Position.

„Auf Position, auf geht’s!“ kommandiert Jasmin Baumgratz. Ihr zweites Hobby neben dem Theater ist der Hiphop und so hat Bachert sie kurzerhand für die Choreografie des Affentanzes eingespannt. Es sieht schon gut aus, aber die Choreographin unterbricht. Sie fordert blitzschnell gespreizte Finger („wenn ihr’s richtig macht, habt ihr morgen Muskelkater“). Nervig, solche Kleinigkeiten? Keineswegs: „Es muss klappen!“ finden die Affen, haben weitere Vorschläge und sind rundum bei der Sache – je quirliger, desto besser. „Das Problem ist, keiner will mehr aufhören.“ Schon jetzt leben alle in ihren Rollen. „Jetzt müsst ihr die Figuren verinnerlichen, abspeichern“, sagt Bachert, „es geht ums Spielen. Frust, Freude, Wut, das alles müsst ihr in Energie umwandeln.“

DIE HERAUSFORDERUNGEN
Wie die Großen, so haben auch die jungen Schauspieler im November mit Schauspieltraining begonnen und üben seit Februar am Stück, anfangs dreimal die Woche, später vier- bis fünfmal. Ganz schön stressig, auch für ihren Regisseur: Der 24-Jährige bereitet sich nämlich parallel auf seine Abschlussprüfung zur Schauspielausbildung vor, die Anfang bis Mitte Juli stattfindet – und es fällt ihm,wie er sagt, ausgesprochen schwer, vom Dschungelbuch auf die Schule umzuschwenken. Nach der Premiere will er sich mit voller Kraft auf den Prüfungsstoff stürzen.

Herausforderungen bietet aber auch die Inszenierung. Welches war die größte? Da muss „Bene“, wie ihn alle hier nennen, nicht lange nachdenken: „36 Kinder!“ Das bedeutet große Szenen, mit den Affen ebenso wie mit den Wölfen. Dann die Kostüme, mehr als 60 waren zu nähen und zu bearbeiten. Und schließlich ist es nicht so leicht, die Bühnenbilder von Kinder- und Erwachsenenstück zu koordinieren: „Der Wiener Wald und das Dschungelbuch brauchen zwar beide Bäume, aber es ist doch ein bisschen was anderes…“ Und wie! Am besten gucken Sie am Sonntag selbst – gilt auch für Große!

Badische Zeitung, 23.06.2015

Szenenapplaus für die Lieder

Bei der gelungenen Premiere von „Dschungelbuch“ am Theater im Steinbruch zeigen die 36 Darsteller viel Lust am Theaterspielen.

Ein Menschenkind wird in den Tiefen des indischen Dschungels gefunden. Es ist natürlich Mowgli aus dem sicherlich weltberühmten Dschungelbuch. Die Kulisse des Theaters im Steinbruch ist kurzerhand als Dschungel mit Wolfshöhlen, vielen Lianen und Lichtungen umfunktioniert worden. Zudem ist die Vorstellung am Sonntag ausverkauft. Und die Premiere des Dschungelbuchs ist dann auch vollauf gelungen. Eine wunderbare Mischung aus verblüffend guter Schauspielkunst und Spritzigkeit sowie der dazugehörigen Lust Theater zu spielen geht vollkommen auf. Wortwitz und Leichtigkeit sowie Spannung und Tiefgang dürfen natürlich auch nicht fehlen. So beginnt auch das Theaterstück federleicht mit einem Tanz der Schmetterlinge, während sich schon die ersten Affen nähern und eben Gefahr signalisieren. Die Affen sind alles andere als niedliche Tiere, da sie später Mowgli gefangen nehmen werden. Die Spannung resultiert vor allem durch die gegensätzlichen und verschiedenartigen Charaktere der Tiere, wie etwa Bagheera, der Panther (Larissa Göppert) und Shere Khan, der Tiger (Felicia Hess), die Feinde im Dschungel sind. Beide Schauspielerinnen erfüllen ihre Rolle im Dschungel mit viel Charme und einem Hauch von Gefährlichkeit, denn die Gesetze des Dschungels sind hart.

Die von dem Regisseur Benedikt Bachert adaptierte Fassung geht nahe an die Originalfassung von Rudyard Kipling, behält aber auch die spielerischen Elemente des Disneyfilms mit nicht ganz so hart gezeichneten Charakteren bei, vor allem die des Bären Baloo, der alles andere als ein strenger Lehrer ist. Und schließlich dürfen die berühmten Dschungelbuchlieder nicht fehlen, die inhaltlich das Stück nochmals unterstreichen, Akzente setzen und Lust auf mehr machen. Für jedes gesungene und gespielte Lied gibt es natürlich vom Publikum begeisterten Szenenapplaus. Und das Publikum will nach dem Theaterstück mehr und ruft nach Zugabe, die es auch mit einem kurzen Medley aus allen Dschungelbuchliedern bekommt.

„Kennst du die Prinzipalwörter des Dschungels“, fragt der tapfere, oft etwas tolpatschige Bär Baloo in die Runde. In dessen Fell steckt Johannes Wipfler, der die Figur des Bären wunderbar ausfüllt. Um im Dschungel überleben zu können, ist es unerlässlich, die Gesetze des Dschungels zu kennen. Mit dabei als Schüler ist Mowgli, das Menschenkind, das in die Tiefen des indischen Dschungels geraten ist. Mowgli wird beeindruckend von Nicolei Jessen gespielt, der für sein Alter das Menschenkind leicht und spielerisch, dabei dennoch ernsthaft, verkörpert. Doch Baloo ist anfänglich kein guter Lehrer, und kaum einmal glaubt er Fortschritte gemacht zu haben, ist auch Mowgli wieder verschwunden. Und Mowgli hat keine Ahnung, was die rote Blume bedeutet, mit der die Macht über den Dschungel gewonnen werden kann. Es drohen also von überall her Gefahren, die man nicht ohne Freunde überstehen kann. Kann Mowgli Teil des Dschungels werden? Es ist aber auch eine Reise zur Selbsterkenntnis, zur Frage, wer ich bin.

Doch am Anfang schnappt sich der Tiger Shere Khan das umherirrende Menschenkind: „Mir gehört sein Leben.“ Aber Bagheera, der Panther, reißt ihm die Beute ab und geleitet Mowgli zu den Wölfen, die ihn vorerst wohlwollend aufnehmen. Aber noch steht die Entscheidung über sein Schicksal bevor, denn in der Nacht wird der Rat der Wölfe zusammengerufen. Unterdessen erfreut sich Mowgli seiner neuen Freunde, geht aber auch allein in den Dschungel und wird von den Affen dann gefangen genommen. Die Affen überlegen, was sie mit dieser Beute anfangen sollen. Aber nach dem Mowgli nichts von der roten Blume weiß, nehmen die Affen ihn in Gefangenschaft. So begeben sich Baloo und Bagheera auf die Suche nach dem verschwundenen Mowgli.

Doch zuallererst müssen sie ihre kleine Streitereien ablegen und vor allem brauchen sie Hilfe von Kaa, der Schlange (Lea Ade und Antonia Arendse). Ob sie helfen kann, glauben Baloo und Bagheera nicht und verspotten sie als fußlosen grünen Regenwurm. Aber ohne Einigkeit und Gemeinsamkeit im Dschungel wird es nicht gehen. Die insgesamt 36 Darsteller auf der Bühne unterhalten während der zweistündigen Spielzeit im besten Sinne des Wortes die jungen und nicht mehr ganz so jungen Zuschauer, die zur Premiere auch nicht mit Beifall geizten. Langeweile ausgeschlossen.

Badische Zeitung, 30.06.2015

Vom Findelkind zum Dschungelherrscher

Am Sonntagnachmittag fand im Theater im Steinbruch die Premiere des Kinderstücks statt

Am Sonntag platzte das Theater im Steinbruch wieder einmal aus allen Nähten. Der Grund war die Premiere des diesjährigen Kinderstücks. Bei herrlichem Wetter belagerten die Familien nicht nur die neue Tribüne und die beiden Seitenflügel, sondern hockten sich auch noch auf die Treppenstufen. Welch tolles Gefühl muss es für einen jungen Schauspieler sein, vor einer solchen Kulisse aufzutreten.

Mit dem „Dschungelbuch“ suchte Regisseur Benedikt Bachert für seine 37-köpfige Rasselbande diesmal einen Klassiker aus. Das Stück erzählt die Geschichte vom Findelkind „Mowgli“. Von Wölfen aufgezogen ist er anfangs noch naiv und verspielt. Baloo der Bär und Bagheera der Panther erkennen jedoch seine besondere Auffassungsgabe. Nach und nach weisen sie ihn in die Gesetze des Dschungels ein. Doch Gefahren lauern überall. Mal gibt sich Mowgli dem hedonistischen Lebensstil der Affen hin, mal erliegt er der Hypnose der Schlange Kaa. Außerdem ist da noch Shere Khan, der das Menschenkind ständig verfolgt und als seine Beute betrachtet.

Das Bühnenbild ist ausgeklügelt. Das im Erwachsenenstück als zweistöckiges Gebäude dienende Haus ist im Dschungelbuch über und über mit gift- und grasgrünen Lianen bedeckt. Dazwischen liegt noch eine dritte Ebene. Hinter dem Gestrüpp lugen Götzenbilder hervor. Davor steht ein großer Hinkelstein. Ein Setting, das eins mit dem natürlichen Hintergrund des Theaters wird und sehr, sehr viel Bewegung ermöglicht.

Und dies wird von den Schauspielern genutzt. Vor allem Nicolai Jessen als Mowgli vollzieht authentisch die Entwicklung von kindlicher Naivität zum verantwortungsvollen Herrscher des Dschungels. Die Rollen Bagheera (Larissa Göppert) und Shere Khan (Felicia Hess) werden beide von grazilen Frauen gespielt. Deren Ästhetik steht im lebendigen Kontrast zur sympathischen Tollpatschigkeit von Baloo (Johannes Wipfler). Einen Kunstgriff leistete sich der Regisseur bei Kaa (Lea Ade und Antonia Arendse). Durch die doppelte Besetzung taucht die Schlange ständig überall auf. Was noch auffällt, ist die durchgängig energische Sprache, mit der die Tiere untereinander kommunizieren. Dies könnte Absicht sein, um das raue Dschungelleben mehr zum Ausdruck zu bringen. Dazwischen sorgen Songs für die großen Gefühle.

Sowohl den faszinierten Augen der Kinder als auch den gebannten Gesichtern der Erwachsenen war am Sonntag abzulesen, dass man dieses Stück auf keinen Fall verpassen sollte. Man erlebt hier zwei Welten. Zum einen natürlich das Stück an sich. Zum anderen die Welt von jungen Menschen, die das Theater im Steinbruch leben und dabei sehr viel lernen. Kompliment, Herr Bachert!

Emmendinger Tor, 01.07.2015