Wie Musketiere fechten lernen
Ein Blick hinter die Kulissen des Amateurtheaters am Steinbruch: Ab Juni wird jeden Tag geprobt / Die Emmendinger Musketiere habe ihren eigenen Soundtrack.
„Es muss geil aussehen – wenn das Publikum ’wow’ sagt und danach erst mal Luft holen muss, dann ist es richtig.“ So beschreibt Benedikt Bachert die Proben zu den „Drei Musketieren“, dem Erwachsenenstück des Theaters im Steinbruch. Premiere ist am 16. Juni, der Stress der Endprobenzeit macht sich bemerkbar.
Warum die drei Musketiere? „Ein bisschen Fechten hat es immer gegeben, aber lange kein klassisches Mantel- und Degenstück mehr und wir hatten Lust auf ein richtiges Abenteuerstück“, sagt Regisseur Benedikt Bachert. Und es habe sich angeboten: „Wir sind gut aufgestellt mit kampferprobten jungen Männern“, schmunzelt er. Und Frauen: Drei der zehn Fechter sind weiblich.
Wer die „Drei Musketiere“ spielt, weckt Erwartungen – jeder hat seine Vorstellungen dazu, und es gibt ungezählte Fassungen. Das Theater im Steinbruch hat sich für die von Theodor Schübel entschieden. „Wir wollten nicht nur Intrigen, Politik und Kampf zwischen den Ländern, es braucht auch eine gewisse Leichtigkeit dazwischen“, sagt Bachert. Zudem orientiere sich das Stück mehr am Dumas’schen Original.
Das Schauspieltraining hat, wie immer, im November begonnen, von Februar bis Mitte März wurde der Text geprobt und seither die Szenen – vom 1. Juni bis zur Premiere am 16. täglich. Pfingstferien? Sind für die Schauspieler gestrichen. Jetzt, in der heißen Phase, kommen sie gegen 18, 19 Uhr direkt von der Arbeit, essen meist gemeinsam, was einige mitgebracht haben – belegte Brote, Rahmfladen, Gemüse, mal ein Eis – und los geht’s.
Die Fechter haben zusätzlich pro Woche vier Fechtproben. Wer es einrichten kann, probt auch mal vormittags. Neben dem Regisseur trainieren Athos (Lorenz Allweyer) und Porthos (Johannes Wipfler) die Kombattanten – sie haben beim Landesverband der Amateurtheater Kampfkurse belegt und gemeinsam mit Bachert die Choreografie ausgearbeitet.
Von Anfang an stand fest: „Fechten darf nur, wer Zeit hat“, erklärt der Regisseur. Vor den Auftritten müssen die Fechter früher kommen, um sich einzufechten, wie es Bachert nennt. Denn das ist richtiger Sport, der Schweiß fließt in Strömen und die Kommandos sind entsprechend: „Locker in den Knien sein!“ „Die Handgelenke mit bewegen!“ und, ganz wichtig: „Pause – geht was trinken!“
Andere Kommandos bleiben Außenstehenden ein Rätsel. Was daran liegt, dass die neun Angriffe mit passenden Verteidigungshaltungen nummeriert sind, Kostprobe: „Ich geb’ dir die Zwei“. Wenn die Grundschläge sitzen, darf jeder seine Rolle entwickeln. Aramis etwa dreht sich viel, hat eigene Bewegungen, die nur er beherrscht; Porthos kämpft mit Degen und Dolch gleichzeitig.
Froh ist Bachert, dass das Training bislang relativ verletzungsfrei verlief; er hofft, dass das so bleibt und behält auch während des Gesprächs sein Team immer im Auge, korrigiert hier, greift da ein, demonstriert, gibt Tipps. Dazu gehörte besonders für die Fechterinnen, sich an das Gewicht des Degens zu gewöhnen, indem frau ihn in den Pausen mit sich herumträgt. Gewöhnungssache, meint Jasmin Baumgratz, die allerdings den Vorteil hat, dass sie aus dem Kampfsport kommt.
Körperlicher Einsatz ist bei den turbulenten Szenen durchaus erwünscht, und die orientiert sich nicht am Bühnenlehrbuch, da kann auch mal eine Abrollbewegung aus der Sportart Parkour dabei sein.
Kampfdoubles habe der Verein nicht („wer sich bereit erklärt hat, muss ’ran“), nur Bachert als „Notfallbesetzung“, wenn einer ausfallen würde. Schließlich werde mit echten Waffen gefochten – freilich sind die Theaterdegen aus Federstahl und nicht geschliffen. Vor allem wögen sie „nur“ ab etwa 800 Gramm aufwärts, schätzt Bachert; die früher verwendeten brachten das Dreifache auf die Waage.
Der Verein hat die Bühnenwaffen, auch dank einer Spende der Stadtwerke, in den USA gekauft; klar, dass der Zoll die sehen wollte, als Bachert sie in Freiburg abholte, und er erklären musste, dass das ungeschärfte Theaterwaffen sind. Jeder Schauspieler schleift, poliert und ölt seine Waffe selbst – nach jedem Fechtgang: Nicht der Schärfe wegen, sondern gegen Flugrost, den Schweiß und Feuchtigkeit magisch anziehen. Schließlich sollen die guten Stücke für das nächste Jahrzehnt halten; zwei Ersatzklingen sind aber vorsichtshalber bestellt.
Was die Kleidung angeht, haben sich die Amateurschauspieler bei der Freilichtbühne in Ötigheim Passendes besorgt; zu ändern ist freilich immer was, etwa der Kummerbund – und welche Knöpfe eignen sich? Und es gibt Sonderanfertigungen wie die lederne Augenklappe von Rochefort: Durch das goldene Gespinst kann Lutz Konkol sehen – einäugiges Fechten wäre denn doch zu riskant. Einiges aushalten müssen auch schlichte Requisiten wie Tisch oder Marktkarren, weil darauf gefochten wird. „Wenn die einmal im Kämpfen drin sind, hält die so schnell nichts auf“, sagt Bachert stolz. Daneben – an diesem Abend wirklich fast parallel – werden die Texte geprobt: Die einen fechten noch, die anderen gehen ihre Dialoge für die anschließende Szenenprobe durch.
Neu ist die Musik: Die Emmendinger Musketiere bekommen ihren eigenen Soundtrack. Sie stammt von dem Emmendinger Musikstudio Tonpony, Lena Lapschansky und Benny Riesterer, bekannt auch durch Hörspiele mit Schülern. „Wir müssen sonst so viel Geld für Gema-Gebühren ausgeben“, sagt Bachert, „das investieren wir lieber in etwas Eigenes.“