Wie das Theater im Steinbruch in Emmendingen „Frühlings Erwachen“ eindrucksvoll inszeniert
Das Theater im Steinbruch Emmendingen bringt eine reduzierte Fassung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ eindrucksvoll auf die Bühne. Das Drama zeigt die Verzweiflung Jugendlicher in einer strengen Gesellschaft.
Die erste Liebe, Fragen, Zweifel und die Suche nach der Identität, aber auch Gewalt – das sind die Themen in Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“. Das Winterstück des Theaters im Steinbruch ist keine leichte Kost, im Gegenteil. Es zeigt die Verzweiflung junger Menschen in einer Gesellschaft, die keine Antwort auf ihre Fragen gibt, sondern mit Druck, Gewalt und Zwang reagiert und reglementiert.
Neun Stühle, jeweils vier auf jeder Seite der Bühne und einer in der Mitte, dazu eine Schatzkiste voller Erinnerungen und Symbole – mehr braucht es nicht für das Bühnenbild. Nichts lenkt von der Geschichte ab. Der Aufwand für Requisite und Bühnenbild ist minimal, Andrea Gerholds kreative Ideen dominieren. Anders als im Original, gibt es in ihrer Bearbeitung eine Retrospektive: Ihre einfühlsame Inszenierung beinhaltet auch den Blick der mittlerweile erwachsenen Protagonisten auf deren jugendliches Ich, dessen Geschichte sie auf der Bühne zeigen. Und das gelingt hervorragend. Während sich in der Bühnenmitte das jugendliche Ich quält, tauschen die Klassenkameraden von einst beredte Blicke, schütteln die Köpfe über die Kommentare von Eltern und Lehrern. Sie fühlen mit, tun das, was sie als junge Menschen damals gebraucht hätten.
Die haben es alle nicht einfach. Da ist die Szene aus dem Lateinunterricht, die in einer sprechenden Choreografie der vier Schüler mündet – fast ein absurdes Latein-Ballett mit Kopf und Händen, das den überzeichneten, sinnlosen Druck durch die Lehrer verdeutlicht. Schlaggeräusche und die Stimmen der Erwachsenen kommen aus dem Off, eingesprochen von 16 Mitgliedern des Theaterensembles. Fast immer sind es harsche, grobe Kommentare, die die Akteure auf der Bühne zusammenzucken lassen, sich in den entsetzten Gesichtern spiegeln.
Eben noch singen die Mädchen „Du schaffst das schon“, tauschen unbeschwert Klatsch aus und ziehen über die Mitschüler her. Dann schlägt die Stimmung um, die Realität hat sie wieder: Martha (Jasmin Baumgratz) erzählt und spielt plastisch ihre Verzweiflung über die Schläge des Vaters, sie bewegt sich wie kurz vor dem Ausgleiten über die Bühne. Die resolute Thea (Simone Bockstahler) will dagegen vorgehen, auch Wendla (Franziska Bosch) würde gern helfen – doch wo soll das Mädchen hin? Soll sie dem Beispiel von Ilse (Silvia Gschwendtner) folgen, die eindrücklich schildert, wie sie als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde und nun ein freizügiges Leben in einer Künstlerkolonie „erwählt“ hat? Für Martha keine Option.