Wechsel auf offener Bühne

VOR DER PREMIERE: Beim Abendstück „In 80 Tagen um die Welt“ stellen die Schauspieler auch die Reiseziele dar

„Macht euch locker! Das Zwerchfell aktivieren!“ hat Regisseur Benedikt Bachert den Schauspielern des Theaters im Steinbruch vorgegeben. Dann schallen merkwürdige Laute über das Gelände. „Ha, hej, hoh! Iiih! ooh!“ Jemand deklamiert „Silberne Segel auf fließendem Wasser,“ dann gibt Bachert kurze, rhythmische Silbenfolgen vor, „te, ke, pe“. Es klingt wie eine eigene Sprache; Explosivlaute nennt er das. Immer schneller spricht die Gruppe auf der Bühne, dann fassen sich alle an den Händen. „Können wir das schaffen? – Ja, wir schaffen das!“ „Das“ ist die Aufführung des Freilicht-Abendstücks „In 80 Tagen um die Welt“ nach dem gleichnamigen Buch von Jules Verne. Im November hatte das Theatertraining begonnen, Anfang des Jahres begannen die Textproben und seit März wird auf der Freilichtbühne geprobt, erzählt Bachert. Jetzt, im Juni, ist die heiße Phase, zuerst für die „Textler“, die Hauptpersonen, dann die, die mit ihnen kommunizieren und schließlich für alle, auch für die „Atmo-Rollen“, wie der Regisseur sie nennt, die atmosphärischen Rollen, die im Stück die unterschiedlichen Schauplätze markieren (siehe auch unten stehendes Interview).

Probenzeit für das 24-köpfige Team ist jetzt jeden Abend – außer am Wochenende. Die Teegesellschaft, mit der Mr. Fogg seine Wette abgeschlossen hat, sitzt bereit – sie wird es das ganze Stück über tun, wird lächeln, kommentieren, sich quasi lautlos das Maul zerreißen, wie man das von den vornehmen Herr- und Damenschaften der „London Biscuit & Gambling Society“ erwarten darf. Im Hintergrund hängen jede Menge Kleider – und nein, sie symbolisieren nicht den Wetterschutz, den die Gäste abgelegt haben, sie werden im Stück gebraucht. Denn die Mitglieder schlüpfen auch abwechselnd in die Rollen von Passagieren, Touristen, Reisenden oder Zeitungsjungen, denen Mr Fogg auf seiner Reise begegnet. Zum Auftakt und in den Pausen wird begutachtet, überlegt, Hand angelegt: Da ist etwa der Gürtel, von dem der „Echt-Leder“-Aufdruck ’runter muss.

Regisseur und Schauspieler tun alles für ein stimmiges Gesamtbild. Da sind die beiden Polizisten, die Mr. Fogg für einen gefährlichen Bankräuber halten und die Verfolgung schließlich in Frauenkleidern fortsetzen. Aber Kleidung ist nicht alles, es gehört auch der richtige Benimm dazu: „Looney muss mehr tippeln, ich will doppelt so viele Schritte“, sagt Bachert und versucht, die Handtaschen-Haltung zu verbessern. Nicht so erfolgreich. „Kann bitte mal eine von euch Lukas unterrichten, wie man ein Täschchen trägt?“ fragt er. Klar, ja.

Noch geht der Regisseur häufig dazwischen, erklärt Antonia Arendse, die die Prinzessin Aouda spielt, wie sie ihre Aufregung ’rüberbringen soll: „Schnappatmung, bitte, du musst immer schneller immer kürzer atmen.“ Oder er macht Etienne Pfundheller, dem Chief Inspektor Fix, vor, wie der mit stolzgeschwellter Brust ob seines Erfolges von der Bühne gehen soll; er demonstriert Gunter Hauß (Diener Passepartout), wie der seinem Chef seine Ideen verklickern soll, oder Michael Schäfer alias Mr. Fogg, dass der sich nur mit dem Kopf zu seinem Diener hinwenden soll.

Und es geht darum, die Szenen möglichst temporeich zu spielen, so dass sie zum eigens von Benjamin Riesterer für das Stück entwickelten Soundtrack passen. Das ist schon für die Reiseszenen anspruchsvoll, aber es kommt noch besser: So wird die Verwandlung der Polizisten Fix und Looney in zwei vornehme Damen auf offener Bühne vorgenommen. Also: Wer hilft beim Ausziehen, wer bringt den Rock, wer den Lippenstift – und wie sorgt man für die weiblichen Formen? „Einem Mann auf der Bühne einen Busen anzuziehen, ist eine Kunst“, weiß Bachert – schließlich soll das Ergebnis echt aussehen, auch wenn alle Bescheid wissen. Damit auch jedes Detail „jolly good“ ist.