Vom Strahlemann zum Sauertopf
Das Theater im Steinbruch feierte am Sonntag die Premiere des Kinderstücks „Timm Thaler“
Im Theater im Steinbruch fand am Sonntag die Premiere des diesjährigen Kinderstücks statt. Unter der Regie von Simone Allweyer inszenierten 26 Kinder und Jugendliche zwei Stunden lang den Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ von James Krüss.
Das 1962 erschienene Werk erzählt die Geschichte des armen Waisenjungen Timm Thaler, der dem reichen Schiffsreeder Baron Lefuet per Vertrag sein Lachen verkauft. Dafür erhält er die Fähigkeit, jede Wette zu gewinnen. Seine Einsätze auf der Pferderennbahn bringen ihm zunächst großen Reichtum. Doch freuen kann er sich darüber nicht. Immer mehr sondert er sich ab. Langsam dämmert ich, dass Lebensfreude wichtiger ist als Geld. Doch wie kommt Timm Thaler aus dieser Nummer wieder raus?
Im diesjährigen Kinderstück widmet sich das Theater im Steinbruch dem Faust-Motiv auf kindgerechte Weise. Timm Thaler erliegt den Versuchungen von Baron Lefuet (rückwärts: Teufel) und tauscht seine juvenile Lebensfreude gegen materielle Lust. In Zeiten von Kapitalismus, Digitalsucht und Entfremdung von der Natur ist dieses Thema aktueller denn je. Durch die Auswahl des Stücks von James Krüss konfrontiert das Freilichttheater junge Menschen mit wichtigen Fragen.
Die starke Inszenierung verstärkt die Botschaft zusätzlich. Am Sonntag bewiesen die 26 jungen Akteure zum einen eine erstaunliche schauspielerische Reife. Gemeinsam füllten sie insgesamt 56 Rollen aus. Es gab nicht einen Hänger, im Gegenteil: Ausdrucksstark verliehen die Kinder und Jugendlichen dem Stück ihr Profil. Cornelis Huber alias Timm Thaler vollzog schleichend aber spürbar die Metamorphose vom Strahlemann zum Sauertopf („Magst du nicht oder kannst du nicht?“). Pascal Jessen (Baron Lefuet) spielte bedrohlich den Teufel. Nicolai Jessen führte als handysüchtiger Hiphop-Proll (Erwin) die Teenie-Gang an und rappte sich in die Herzen des Publikums („Reich wie ein Scheich“).
Zum anderen webte Regisseurin Simone Allweyer kleine wirkungsvolle Details ein. Die schick gekleidete, aber pseudo-höfische Gesellschaft auf der Galopprennbahn stand für die längst schon dem Mammon verfallene Erwachsenenwelt. Nicht ganz so verdorben schien die Teenie-Gang mit ihren St. Pauli-Shirts. Hier ist noch nicht alles verloren. Frau Kreschimir (Luisa Nübling), die die Machenschaften von Lefuet durchschaut, trägt jungfräuliche Hippiekleider. Vertrauen und Ehrbarkeit strahlten die Seemänner durch ihren norddeutschen Akzent aus. Emotional waren zudem die Monologe Thalers vor dem Grab seines Vaters. Hier tauchte der Protagonist immer wieder unter die Oberfläche. Ebenfalls interessant: das clowneske Stück im Stück, das die Handlung und Moral in eine Nussschale packte.
Das Wetter am Sonntag war herrlich warm. Von den nahezu voll besetzten Rängen regnete nach dem Stück ein wohltuender Beifall auf die jungen Akteure nieder. Timm Thaler – ein Werk, das sich nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene lohnt. Aufgrund der aufgeworfenen Fragen hallt es lange nach.