Sherlock Holmes löst Rätsel im Emmendinger Theater im Steinbruch
Vor ausverkauften Rängen spielte das Theater im Steinbruch am Samstagabend die Sherlock-Holmes-Komödie „Tod im Nebel“: unterhaltsam, rasant und witzig. Der Abend verging wie im Flug.
Übles liegt in der Londoner Luft, das macht Penny (Alexandra Scherer) gleich deutlich – vom Auftragsmord bis zum raffinierten Komplott. Doch noch raucht Sherlock Holmes Pfeife, kippt mit dem Schaukelstuhl um und langweilt sich. Das kann dem Publikum nicht passieren. Denn das erlebt ein tempo- und abwechslungsreich gespieltes, spritziges Stück mit auch mal schwarzem Humor, glänzend gespielt von einem überaus präsenten und fähigen Team. Unter der Regie von Rob Doornbos lassen die Amateurschauspielerinnen und –schauspieler die Charaktere individuell lebendig werden, mit viel Energie und Zugewandtheit. Da passt alles: von der Musik bis zu Details wie dem kongenialen Kostüm der Elisabeth. Die Gags kommen an, es gibt immer wieder Szenenapplaus.
Michel Köllermann zeigt Sherlocks schier unendliches Selbstbewusstsein: „Ich bin Gott“, sagt er ebenso arrogant wie überzeugt. Immerhin riecht er Verbrechen und ist vor allem ein Meister der Beobachtung und der Deduktion. Wenn er sich mit Watson zofft, tut er das wie nebenbei, er hat ja immer Recht – womit er seinen getreuen Chronisten schier zur Verzweiflung treibt. Johannes Wipfler als Watson leidet sichtbar und könnte diesen Holmes manchmal schier umbringen – täte es aber nie. Doch sie streiten sich bis zum Ende – um festzustellen, dass der eine ohne den anderen nichts wäre.
Zwar trägt Holmes klassisch die Deerstalker-Mütze, aber im Steinbruch spielt er Jojo statt Stradivari und schläft vor Langeweile schon mal im Stehen ein. Doch selbst dann entgeht ihm nichts: Holmes merkt sofort, dass die vier attraktiven Damen (Franziska Bosch, Svenja Mutschler, Christina Menner und Andrea Gerhold als fantastisches Team, das zusammenhält) alles andere als von der Heilsarmee sind. Dennoch bleibt er nicht ganz so rational-kühl, wie er sich gern sieht. Dann ist da Kommissar Lestrade (herrlich, wie schwerfällig und gewichtig Lucas Meier mit gigantischem Bauchumfang über die Bühne walzt), fast so sehr von sich eingenommen wie Holmes, welchen er oft um Hilfe bittet. Zwar hat er einen Assistenten, George (eifrig und begeistert: Jonathan Wied), aber es kommt, wie es kommen muss: Die beiden lassen einen Dieb entkommen.
Aber nichts ist hier so, wie es scheint, schon gar nicht das Allegra-Tanztheater. Tanztheater? Nun ja, eher ein Etablissement jener Art, das die Herren der feinen Gesellschaft heimlich aufzusuchen pflegen. Etwa in der gelungenen Szene, in der sich Anderton (Marius Bürklin als vornehm-menschenverachtender Lord und später als sein eigener Zwilling mit ganz anderen Werten), Mr. Summer und die beiden Polizeibeamten genau dazu verabreden. Durch die bitterbösen Passagen schimmert der ernste Hintergrund: Warum die Frauen dort gelandet sind, wie die Männer sie benutzen und dann „entsorgen“. Gunter Hauß spielt nicht nur überzeugend einen reumütigen, humpelnden Vater, er geht auch das (Allegra-)Publikum an: „Schämen Sie sich, dass Sie hier sind!“
Im Allegra herrscht Elisabeth Moriarty – Jasmin Baumgratz begeistert ebenso eiskalt und skrupellos wie vom Hass schier besessen – mit ihrer ungerührten Helferin Ruth (Silvia Jessen). Elisabeth gibt „ausgedienten Dienstmädchen“ (schön naiv: Simone Bockstahler) und den Töchtern hingerichteter Mörder erst mal ein Zuhause, zum Beispiel der Bettlerin Mary (Schirin Maier). Keineswegs selbstlos, denn sie hasst Sherlock Holmes, „diesen Abschaum von einem Menschen“, gibt sie ihm doch die Schuld am Tod ihres Sohnes. Aber der Meisterdetektiv weiß genau, dass er in eine Falle gelockt werden soll. Nachdem Lord Anderton von Finger (Kiran Kostka als wandlungsfähiger, stets dienstbereiter Erfüllungsgehilfe der Bösen) ermordet wird und Doktor Watson „Gift“ feststellt, morden die Damen weiter. Elisabeths Nebel verschlechtert nicht nur die Sicht, er macht frei.
Aber Holmes und Watson haben Spuren der betäubenden Substanz sichergestellt. Holmes hat sie analysiert und kennt nun die Identität seiner Gegnerin – und ein Gegenmittel. So behalten Watson und er auf der Bühne einen klaren Kopf, während fast alle anderen benebelt sind im wahrsten Wortsinne und Sherlock zum Mord verleiten wollen. Dann greift Elisabeth zur Waffe – und Holmes‘ Unsterblichkeit hängt an einem kleinen Geschenk. Wie das ausgeht? Unbedingt angucken!