Paläste aus 1001 Nacht entstehen im Emmendinger Steinbruch
Die Regisseurin Silvia Gschwendtner probt aktuell „1001 Nacht“ als Kinderstück für die Saison des Theaters im Steinbruch in Emmendingen. Ein Kraftakt wegen der geltenden Corona-Bestimmungen.
Corona hat Kunstschaffende viele Monate lang Schach-matt gesetzt. Jetzt, da der Kulturbetrieb wieder anläuft, bringt dies den Veranstaltern Arbeit und Organisationsaufwand. Auch den Theaterleuten von der Emmendinger Freilichtbühne am Steinbruch. Doch trotz des Aufwands ist die Freude groß darüber, dass es jetzt wieder heißt: „Bühne frei“.
Jeder Schauspieler darf nur mit dem eigenen Pinsel geschminkt und dem eigenen Kamm gekämmt werden. Außerdem können nur jeweils zwei Schauspieler gleichzeitig in die Garderobe, um das Kostüm zu wechseln. Und überhaupt: Es dürfen nur fünf Schauspieler gleichzeitig auf die Bühne. Und doch: Alle Schauspieler sind mit großer Freude dabei, wenngleich sie in diesem Jahr doppelt und dreifach gefordert sind. Denn anstatt sich ein halbes Jahr vorzubereiten und zu proben, müssen sie nun samt den Kollegen hinter der Bühne die Aufführung in gut vier Wochen „aus dem Boden stampfen.“
Und das macht nur der, der für den Theaterbetrieb brennt. Wie Silvia Gschwendtner zum Beispiel, seit 2012 mit von der Partie beim Theater im Steinbruch. Sie führt Regie beim diesjährigen Kindertheaterstück „1001 Nacht“ von Tobias Goldfarb und hat zunächst ungezählte Stunden damit verbracht, Stücke zu lesen und auszuwählen, um schließlich eines davon coronakonform auf die Bühne zu bringen. Robin Hood war das Stück, das der Verein im vergangenen Jahr geplant hatte, doch das musste sie ad acta legen – zu viele Massenszenen, zu viele kleine Schauspieler auf einmal auf der Bühne.
Jetzt also „1001 Nacht“: In dem Stück spielen 15 Kinder, die die Regisseurin in drei Gruppen eingeteilt hat. Agieren sie gemeinsam während des Spiels, dann mit entsprechendem Abstand – zum Beispiel im Palast und auf der Fläche davor.
Vom aktuellen Kinderensemble standen neun Kinder zuvor noch nie auf der Bühne, vier hat Silvia Gschwendtner via Zoom kennengelernt. Von ihnen wusste sie nicht, wie sie sich bewegen, wie sie spielen, wie stark ihre Stimmen sind. „Das war eine große Herausforderung für die Kinder, aber alle waren sehr motiviert und haben ihre Sache großartig gemacht“, lobt die Regisseurin.
Dann traten Lockerungen in Kraft. Die Proben liefen an, streng nach Vorschrift mit Test und Masken. Die bleiben abseits der Bühne nach wie vor im Gesicht, lediglich beim Spiel auf der Bühne dürfen sie die Schauspieler abnehmen; kein Vergnügen, wenn sich Thermometer an der 30-Grad-Marke einpendelt.
Der Steinbruch bietet eine wunderbare Naturkulisse. Die Probe beginnt mit Stimmübungen, die immer komplizierter werden. Die Kinder stehen im Kreis und sind konzentriert bei der Sache: „Macht euch locker“, sagt Silvia Gschwendtner und steigert nach und nach das Tempo der Übungen. Alle halten mit. Und dann heißt es: ab in die Kostüme.
Bei der Auswahl des Stücks hat Silvia Gschwendtner auch darauf geachtet, dass in der theatereigenen Nähstube nicht zu viele komplizierte und aufwändige Kostüme genäht werden mussten. Vier Wochen sind kurz und alle, die beim Theater im Steinbruch mitmachen, sind Laienspieler, sind in Beruf und Familie eingebunden. Auch das Bühnenbild muss in vier Wochen stehen, Licht und Ton ebenso. Die Musik muss passend zu den Szenen eingespielt werden. Auch hier: Vier Wochen müssen reichen.
Nach und nach kommen die Schauspieler umgezogen zurück auf die Bühne. „Im Orient trägt man Hüfthosen“, sagt die Regisseurin und zupft am Kostüm. Wie der meterlange Sari richtig gebunden wird, muss noch geübt werden. Auch das Binden der Turbane sieht alles andere als einfach aus.
Orientalische Musik erklingt im Steinbruch, die Probe beginnt. Die Regisseurin ist konzentriert und gleichzeitig die Ruhe selbst. Sie hilft den Schauspielern mit Gestik und Mimik, geht mit, gibt dem Tontechniker Handzeichen für den richtigen Einsatz der Musik. Dann ist die erste Szene durch. Hundert Fragen prasseln auf Silvia Gschwendtner ein, sie und Regieassistent Lutz Konkol beantworten jede.
Mittlerweile ist auch die Friseurin eingetroffen, es geht um die Frisuren der Prinzessinnen. Silvia Jessen hat Fotos auf dem Handy mitgebracht, die Prinzessin ist begeistert. Dann wird weitergeprobt. „Sei verträumt. Du erzählst Geschichten“, ermuntert Silvia Gschwendtner eine Prinzessin. Dann unterbricht sie: „Hörst Du das Flugzeug? Da musst du drüber“, erklärt sie einer Darstellerin, die zu leise gesprochen hat.
Eineinhalb Stunden sind vorbei. Nach wie vor sind alle konzentriert bei der Sache. Ali Baba lässt die Belehrungen seines Vaters zum x-ten Mal geduldig und genervt über sich ergehen, Scheherazade blickt wieder und wieder ihrer Verbannung entgegen, die Räuber schwingen ihre Schwerter von mal zu mal mutiger und schwungvoller. Die Geschichten aus 1001 Nach, die in diesem Jahr auf der Emmendinger Freilichtbühne erzählt werden, sind voller Magie, entführen die jungen Zuschauer in eine Welt märchenhafter Schätze, wundersamer Geheimnisse und riesiger Geister, die den Menschen von jetzt auf gleich zum Bettler oder zum König machen können. Und ab und ab sind es schwache, wehrlose Menschen, die böse Herrscher mit Güte und Liebenswürdigkeit besiegen. Scheherazade ist ein solcher Mensch, denn ihr gelingt es, den autoritären Sultan Schahryar mit ihren spannenden Geschichten aus 1001 Nacht zu fesseln…
Die Szenen und Geschichten werden geprobt, immer wieder. Silvia Gschwendtner ist perfekt im Improvisieren. Das noch nicht gekürzte Kleid der Prinzessin wird kurzerhand mit einem Haargummi hochgebunden, dann wird weiter geprobt. Silvia Gschwendtner hat schon in anderen Theatern Regie geführt. Seit 2012 ist sie im Theater am Steinbruch mit von der Partie, hat hier schon den Spielbetrieb geleitet und nun ihren „Hut in den Ring geworfen“ wie sie sagt. Bis zur Premiere am Sonntag, 27. Juli, sind noch jede Menge Proben angesetzt. Silvia Gschwendtner weiß, dass die Jugendlichen nach den langen Wochen des Lockdowns und Homeschoolings in der Schule ganz besonders gefordert sind. Dass sie trotzdem so engagiert bei der Sache sind, freut die Regisseurin – und dass die jungen Darsteller beim Schlussbild alle auf die Bühne dürfen – dass kann sie fast noch nicht glauben.