Vorsicht vor den Zeitagenten
Ausverkaufte Premiere von „Momo“ in der Regie von Simone Allweyer im Theater im Emmendinger Steinbruch
Die Premiere von „Momo“ im Theater im Steinbruch war am Sonntagnachmittag ausverkauft. Diejenigen kleinen und großen Zuschauer, die sich für das diesjährige Kindertheaterstück Zeit genommen haben, wurden auch entsprechend für ihr Kommen durch ein bravourös aufspielendes Ensemble bestens belohnt. Zum Ensemble gehören 31 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in insgesamt 60 Rollen. Das berühmte Kinderbuch „Momo“ von Michael Ende, das 1973 erschien, wurde von der Regisseurin Simone Allweyer kongenial adaptiert. Die Musik dazu komponierte Michael Bach. Statt der Grauen Herren gibt es Graue Damen, die einen überreden wollen, ihre Zeit auf die Zeitsparkasse zu bringen, weil sie zu verschwenderisch mit ihrer Zeit umgehen. Die Grauen Damen haben alle geschäftstüchtig ein Handy am Ohr, bezeichnen sich selbst als Zeitagenten und tragen statt Namen nur Nummern: BWL/553/C. Außerdem rauchen sie ständig an nie ausgehen wollenden langstieligen Zigaretten.
„Wie viel Zeit verbringen Sie nutzlos oder für andere?“ werden die Zeitagenten fragen. Genau diese Rechenbeispiele tragen die Grauen Damen dem immer mehr resignierenden Friseur Fusi (Michael Köllermann) vor: eine Minute hat sechzig Sekunden, sechzig Sekunden haben 360 Minuten, ein Tag hat 86 400 Sekunden und ein Jahr entsprechend mehr als 31 Millionen Sekunden. „Was bleibt Ihnen von einem Jahr übrig?“ rechnen die Grauen Damen ihm vor. Bei einer Lebenszeit von 42 Jahren multipliziert es sich entsprechend. Und angesichts der noch zu erwartenden Lebensjahre und der sinnlos vergeudeten Zeit kommt ein Betrag zusammen, der ihn einwilligen lässt. „Wenn Sie nicht wissen, wie man Zeit spart, dann überlassen Sie es uns“, so die Grauen Damen. Die Zeit, so versichern ihn die Grauen Damen, wird verzinst und sicher aufbewahrt.
Der Friseur bleibt nicht der einzige, der vom strengen Zeitregime der Grauen Damen verlockt wird. Auch die Freunde von Momo finden unter allerlei Ausflüchten – sei es dass das Essen zu Hause warte, sei es, dass das Online-Spiel unbedingt weitergespielt werden müsse – plötzlich keine Zeit mehr, um mit ihr zu spielen. So findet Momo ein leeres Zuhause vor, mit vielerlei Schildern, auf denen „Spielen Verboten“ steht.
Momo, die in einem verfallenen Amphitheater wohnt, wunderbar überzeugend gespielt von Antonia Arendse, trägt eine überlange Männerjacke und einen bunten Flickenrock. Ihre Haare sind ungekämmt und zerzaust. Sie ist in ihrer Erscheinung alles andere als Kunde des Friseurs Fusi. Doch dafür treten ihre Eigenschaften umso mehr hervor, sie kann nicht nur großartige und fantasievolle Geschichten erzählen, sondern auch zuhören, was sie, die es vorgezogen hat in einem verfallenen Amphitheater in einer Vorstadt lebt, sehr beliebt bei den Bewohnern macht.
Momo ist mit vielen befreundet, mit Gigi, dem unbeschwerten Fremdenführer (Pascal Jessen), Beppo, den Straßenkehrer (Nico Brill) und mit natürlich vielen Kindern. Mitunter gibt es auch Streit unter ihren Freunden. So streiten sich der Maurer Nikola (Lukas Kadlec) und der Gastwirt (Nils Köllermann) wegen Nichtigkeiten. Doch verdirbt es nicht das bunte Treiben vor der Kulisse des Amphitheaters. Bis die insgesamt neun Grauen Damen die Bühne betreten und versuchen Momo und ihren Freunden die Zeit zu stehlen. Nach und nach wird sich das Amphitheater leeren. Der Wirt wird sich noch sehnsüchtig an die Zeit erinnern: „Früher hat man gesagt, wenn Du Sorgen hast, geh‘ zur Momo.“ Aber plötzlich hat keiner mehr Zeit für Momo.
Auch der stets erschöpfte Straßenkehrer Beppo, der sein Arbeitstempo zu finden scheint, um nicht aus der Puste zu kommen: ein Schritt ein Atemzug – ein Besenstrich, wird sie verlassen. Doch so taucht unvermittelt Kassiopeia, die Schildkröte (Lara Müller-Bütow) auf. Sie kommuniziert ausschließlich mit Zeichensprache und führt Momo zu dem geheimnisvollen Meister Hora (Cornelis Huber). Doch auch die Grauen Damen haften sich an ihre Fersen. Für diesen beherzten Auftritt des 31-köpfigen Ensembles gab es von den Zuschauern dann lang anhaltenden Beifall. Deren Zeit wurde offensichtlich nicht von den Grauen Damen gestohlen.
Was ist Zeit? Eine Stunde kann eine Ewigkeit dauern oder wie im Fluge vergehen. Es kommt ganz darauf an, was man daraus macht.