Herz oder Kopf?
Im Theater im Steinbruch feierte „Sinn und Sinnlichkeit“ Premiere
Herz oder Kopf? Gefühl oder Verstand? Bauchmensch oder Pragmatiker? Dionysis und Apollon. In der Literatur wird dieser Zwiespalt oft beschrieben. Man denke an „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse oder auch an die Figuren Dean Moriaty und Sal Paradise aus „Unterwegs“ von Jack Karouac.
Auch das Theater im Steinbruch widmet sich in dieser Spielzeit diesem Gegensatz. Das Erwachsenenstück „Sinn und Sinnlichkeit“ von Jane Austen aus dem Jahre 1811 handelt von den ungleichen Schwestern Elinor und Marianne Dashwood (gespielt Jasmin Baumgratz und Juliana Bachert). Die eine ist rational und von unerschütterlicher Selbstdisziplin, die andere impulsiv und schwärmerisch. Auf der Suche nach der wahren Liebe bewegen sie die beiden auf ihre jeweils eigene Weise durch die gehobene englische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.
Bereits im Winter hatten Regisseurin Sybille Denker und die 21 Akteure mit dem Spielertraining begonnen. Ende Februar wurden die Rollen und die Leseproben verteilt. Im März starteten die Szenenproben in der kleinen Halle der Meerweinschule sowie in der Aula der Karl-Friedrich-Schule. Seit April erfolgten die Proben auch im Freien. Am Samstag fand vor 320 Zuschauern nun die Premiere statt. Die Temperaturen im schattigen Steinbruch waren sowohl für die Schauspieler als auch für das Publikum herrlich.
Warum lohnt es sich, das diesjährige Erwachsenenstück des Theaters im Steinbruch anzuschauen? Zum einen spitzt sich „Sinn und Sinnlichkeit“ nicht auf wenige Hauptrollen zu. Das Stück lebt von den vielen unterschiedlichen Figuren, die ein Beziehungsgeflecht bilden. Daran muss sich der Zuschauer erst einmal gewöhnen. Entsprechend zieht sich die erste Hälfte, da die Feinheiten der Charaktere noch herausgestellt werden müssen. Natürlich sind da die Hauptfiguren Elinor und Marianne. Da ist aber auch der naive Erbe John Dashwood (Gunter Hauß) und seine ihn stets manipulierende Ehefrau Fanny (Barbara Seyfarth). Da ist clowneske Nachbarschaft in Exeter. Und da sind die männlichen Heiratskandidaten: der charmante John Willoughby (Lorenz Allweyer), der zugeknöpfte Colonel Brandon (Christian Fuhrmann) und Edward Ferrars (Lucas Meier), der heimlich verlobt ist.
Zum anderen ist es Sybille Denker mit der Inszenierung gelungen, das Stück fließen zu lassen. Die Szenen gehen dank kreativer Gimmicks geschliffen ineinander über. Als Zuschauer nimmt man die Szenenwechsel kaum wahr. Die Tontechniker leisten hier hervorragende Arbeit. Man wird eins mit dieser sehr gewählt ausdrückenden Gesellschaft und deren Beziehungen, Intrigen und Machtverhältnissen. In der zweiten Hälfte jedenfalls nimmt das Stück deutlich an Fahrt auf. Unter anderem gehört auch ein actiongeladenes Duell mit dem Schwert dazu. Und: letztlich finden sowohl Elinor als auch Marianne den jeweiligen zu ihr passenden Ehemann.
Die Zuschauer am Samstag waren begeistert. In den kommenden anderthalb Monaten wird „Sinn und Sinnlichkeit“ insgesamt 14 Mal aufgeführt.