Lügenbaron wider Willen
Clemens Allweyer bringt eine Textversion des „Baron von Münchhausen“ auf die Bühne des Theater im Steinbruch
Er ist wider seinen Willen als Lügenbaron in die Geschichte eingegangen, auf einer Kanonenkugel durch die Lüfte sausend. Jetzt hat Clemens Allweyer eine eigene Textversion zu „Baron von Münchhausen“ für die romantische Freilichtbühne im Emmendinger Steinbruch geschrieben: Ein Mantel- und Degenstück mit Commedia dell’Arte-Elementen, einer Prise Fantasy und prallbunten Reiseimpressionen aus dem 18. Jahrhundert. Vor allem aber einem spielfreudigen Einsemble mit 23 Laiendarstellern in dreißig Rollen (Regie: Simone Allweyer).
Die Geschichte beginnt per Rückschau: Auf dem Bühnenschuppen (Filmclips: Moritz Vogel) ist ein Stillleben mit Kerze, Schreibfeder und Tintenfass zu sehen, dann der alte Münchhausen, der eben seine Erinnerungen zu Papier bringt, dazu eine Erzählerstimme aus dem Off. Das macht den Einstieg erst einmal etwas behäbig, zumal die folgende Szene ziemlich komplex ist: Münchhausen (Gunter Hauß) hat Audienz bei Katharina der Großen (Alexandra Wipfler), es geht um Intrigen, Umsturz und eine Massenmörderin. Diese (Franziska Bosch) trickst ihn dann prompt bei ihrem Unterschlupf im Wald aus, tötet seinen Begleiter und katapultiert ihn in einen Sumpf, aus dem er sich nicht am eigenen Schopf wieder herauszieht, sondern von Raffael alias Rahel (Stephanie Pleuler) gerettet wird. Der wird ihm treuer Begleiter und später Geliebte.
So richtig erschließen sich die Hintergründe in dieser Inszenierung nicht – was aber auf den ersten Blick nichts ausmacht, weil dafür turbulentes Stationentheater geboten wird: Von Sankt Petersburg geht es nach Venedig, von dort nach Paris und zum Sultan von Istanbul (Gottfried Groener). Das bedeutet turbulente Gruppenszenen mit tollen Kostümen und Kulissen – und jede Menge spannender Bekanntschaften: Trifft Tausendsassa Münchhausen doch nicht nur Giacomo Casanova (Michael Schäfer), den berühmtesten Schürzenjäger Europas, und flüchtet mithilfe der liebestollen Gefängniswärtertochter mit ihm aus den Bleikammern Venedigs. Auch die Marquise de Pompadour (Silvia Jessen, Doris Watzka), der berühmte Enzyklopädie-Autor Denis Diderot (Christian Fuhrmann) und der Okkultist und Scharlatan Alessandro Graf von Cagliostro (Hans Bürkin) kreuzen seinen Weg, während er die Saltykowa jagt und die drei Commedia dell’Arte-Clowns Arleccino, Dottore und Colombine immer wieder die Szene aufmischen.
Witzige Regie-Ideen, Slapstick, Tanz- und Fechteinlagen (Choreografie: Miriam Schwenk, Benedikt Bachert) – dazu immer wieder traumschöne Szenen wie Münchhausens (Drogen-)Reise zum Mond in nachtblauem Licht und stimmungsvoller Naturkulisse machen diese Inszenierung so unterhaltsam wie kurzweilig, wenn auch der rote Faden bisweilen verloren geht: Zu episodenhaft-gestückelt ist die Geschichte mit ihren ständigen Orts- und Szenewechseln, um wirklich einen Spannungsbogen aufzubauen. Der Wust aus Intrigen ist kaum zu durchschauen. Spaß macht’s trotzdem und das ist unbedingt den engagierten und stellenweise sehr ambitionierten Akteuren zu verdanken.