Kleingeister mit Wiener Schmäh
Das Steinbruchtheater überrascht mit den „Geschichten aus dem Wiener Wald“
Samstag im Steinbruchtheater. Die Premiere des Erwachsenenstücks steht ins Haus. Die neue Tribüne ist nahezu voll besetzt. Das Wetter hält. Noch ein Schlückchen Sekt. Dann ertönt der Gong. Der Spot fällt auf die Bühne. Ein kleines Mädchen mit aufziehbarem Mini-Karusell eröffnet die Szenerie. In uriger Tracht gekleidet verfolgt sie hypnotisiert die Drehbewegungen der Figuren.
Dann beginnen die „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Das moderne Drama von Ödön von Horváth spielt im Wien der 20er-Jahre. Als Schauplatz dient eine kleine Straße. Deren Anwohner geben sich nach außen hin bürgerlich. Sie sind berufstätig, wissen sich auszudrücken, gehen mit den Nachbarn zum Picknick und betrinken sich gemeinsam. Doch hinter all dem edlen Schmäh herrscht der pure Kleingeist. Es wird blind geliebt, gelogen, eifersüchtelt, intrigiert, scheinheilig geglaubt und am Ende auch noch kaltblütig gemordet.
Die Story
Da das Stück in den nächsten Wochen noch 13 Mal aufgeführt wird, soll hier nicht alles verraten werden. Nur so viel: Das Stück lebt von den Personen und deren Beziehungen. Da ist zunächst die schöne und naive Marianne (Jasmin Baumgratz). Deren Verlobung mit dem Fleischhauer Oskar (Gunter Hauß) platz. Stattdessen verfällt Marianne dem charmanten, aber bettelarmen Nichtsnutz Alfred (Michael Schäfer). Von ihm bekommt sie ein Kind. Daraufhin wird sie vom Vater (Clemens Allweyer) verstoßen. Leider funktioniert der Alltag zwischen Marianne und Alfred nicht. Die beiden geben ihr Kind in die Wachau zur Großmutter. Parallel dazu bändelt Alfreds Ex-Freundin Valerie (Silvia Bender) mit dem Nazi-Studenten Erich (Lutz Konkol) an. Marianne ist derweil so verzweifelt, dass sie in einem Bordell landet. Zufällig trifft sie dort auf ihren betrunkenen Vater. Alles mündet in einem Mord, der den scheinbürgerlichen Urzustand in der Wiener Straße ironischerweise wiederherstellt.
Die Inszenierung
Mit dem Horváth-Stück überrascht das Team des Steinbruchtheaters sein Publikum einmal mehr aufs Neue. Regisseurin Simone Allweyer hat die Rollen clever besetzt. Gunter Hauß brilliert in der Rolle des biederen Metzgers. Jasmin Baumgratz steht die Naivität der Marianne und beweist dabei ungeahnte Gesangskünste. Gunda Turowski wird eins mit der bissigen Großmutter. Am beeindruckendsten sind die hysterischen Auftritte von Valerie alias Silvia Bender. Ihr glaubt man jede Gefühlsregung. Bemerkenswert ist zudem das Sprachgefühl. Alle Akteure beherrschen den Wiener Schmäh. Das ist auch wichtig, denn er symbolisiert die Kluft zwischen pathosgetränkter Bürgerlichkeit und Kleingeist. Vor allem Clemens Allweyer trifft den perfekten Ton. In dem zweistündigen Stück kommt viel Musik vor. Hier stimmen die Synchronität zwischen Livegesang und Instrumentalpassagen vom Band. Man vergisst dabei so leicht, dass die Schauspieler im Steinbruchtheater eigentlich keine Profis sind. Erneut ist es dem Team gelungen, sich selbst zu übertreffen. Es lohnt sich, dieses Stück zu erleben. Gelegenheiten gibt es genug.