Interview mit den Regisseuren von Haltestelle.Geister: „Das Stück kann einem viel geben“

Das Theater im Steinbruch führt Anfang Dezember die Trash-Oper „Haltestelle.Geister“ auf. Erstmals führen Johannes Wipfler und Lorenz Allweyer Regie. Im BZ-Interview erklären die beiden den Weg in die Regie und das Stück.

Das Theater im Steinbruch zeigt Anfang Dezember die Trash-Oper „Haltestelle.Geister“ von Helmut Krausser. Dabei führen erstmals Lorenz Allweyer und Johannes Wipfler Regie. Sylvia-Karina Jahn sprach mit den Beiden.

BZ: Sie kommen beide aus dem Kindertheater, haben erste Erwachsenenrollen gespielt – und führen nun gemeinsam Regie beim Winterstück. Was lockt Schauspieler in die Regie?

Wipfler: Nach 15 Jahren auf der Schauspielerseite wollte ich mal sehen, wie das ist, wenn man auf der anderen Seite steht. Wir sind beide als Jugendvertreter im Vorstand des Theaters im Steinbruch und bekamen das Angebot, die Jugend könnte mal wieder ein Stück machen. Da haben wir zugegriffen.

Allweyer: Ich habe schon mal ein Schultheater geleitet und habe Spaß an dem Perspektivenwechsel – und daran, eigene Gedanken in das Stück einfließen zu lassen, eigene Vorstellungen auf die Bühne zu bringen.

BZ: Ist es nicht ein wenig ungewohnt oder sogar kompliziert, plötzlich denjenigen Anweisungen zu geben, mit denen man bisher gemeinsam gespielt hat?

Wipfler: Anfangs erschien es uns schwierig, man braucht eine andere Autorität, aber wir führen auf gleicher Ebene Regie und spielen auch kurzfristig selbst mit. Es ist kein Problem.

Allweyer: Ich dachte, es würde schwierig, denn es sind Leute dabei, die viel länger spielen als wir – da hat man doch Respekt und denkt, die sagen vielleicht, das kann man so nicht machen. Aber es ist im Gegenteil eine tolle Zusammenarbeit.

BZ: Haltestelle.Geister gilt als Trash-Oper. Trash heißt übersetzt Müll oder Unrat und steht nicht gerade für hohe Kunst. Was hat Sie daran gereizt, es mit diesem Genre und diesem Stück zu versuchen?

Allweyer: Trash Oper heißt erst mal, dass das Stück szenisch aufgebaut ist wie eine Oper, aber es wird nicht gesungen. Das Stück macht Spaß, weil man keine Märchencharaktere hinbiegen muss, die Personen verhalten sich so wie echte Menschen auf der Straße.

Wipfler: Wir haben ein paar Stücke gelesen, auch Jugendstücke, sind dann aber an diesem hängen geblieben. Es stellt die Realität dar, die Problematik von Leuten, die keine Zeit mehr haben, auf andere einzugehen, eine Gesellschaft mit Scheuklappen sozusagen. Das Stück spricht die Altersgruppe ab 16 Jahren an, junge Erwachsene ebenso wie Ältere, die sich mal auf etwas Neues einlassen möchten.

BZ: Gibt es bei der Inszenierung besondere Schwierigkeiten?

Allweyer: Das Bühnenbild ist einfach, ein Haltestellenschild, eine Bank und ein Mülleimer. Problematisch ist die Größe des Ensembles, 16 Schauspieler zwischen 15 und 33 Jahren auf der Maja-Bühne – das wird eng. Deswegen probieren wir, die Leute auch im Raum auftreten zu lassen; das will koordiniert sein. Sehr eng wird es im Backstage-Bereich, wenn nur zwei Leute auf der Bühne stehen und die anderen auf den nächsten Auftritt warten.

Wipfler: In diesem Stück ist jeder Charakter wichtig, keiner gleicht dem anderen und deswegen müssen wir mit jedem Einzelnen proben. Seit zwei Wochen kommt die Koordination mit der Technik hinzu; wir haben drei Techniker dabei. Weil das Bühnenbild so einfach ist, arbeiten wir viel mit Musik und Lichteffekten. So markieren wir beispielsweise die Geisterzone, wo die Toten auf die Bühne kommen.

BZ: Klingt gruselig. Ist es das?

Wipfler: Gar nicht! Aber es sterben Leute in dem Stück und kommen als Geister an die Haltestelle. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen, es fallen auch mal derbe Schimpfwörter und ein Pärchen, das dem Sadomaso nicht abgeneigt ist, spricht offen über seine Fantasien. Es gibt auch eine Passage, wo Gott in Frage gestellt wird und provokante Meinungen dazu geäußert werden.

Allweyer: Die Geister können mit den Lebenden nicht kommunizieren und bei einigen wandelt sich durch den Tod der Charakter. Das Stück kann einem viel geben, weil es viele Botschaften enthält. Am Schluss stellt es die Frage nach dem Sinn des Lebens und kommt zu dem Ergebnis, den wirklichen Sinn gibt es nicht.

BZ: Der Inhalt – Außenseiter treffen auf scheinbar normale Menschen, Menschen sterben, kommen als Geister zurück – klingt ein bisschen morbide. Erwartet die Zuschauer ein ernstes Stück oder geht es eher lustig zu?

Allweyer: Es ist ein cooler Mix. Es gibt Szenen, über die man lachen kann, es gibt ernste Szenen und das Stück wirft viele Fragen auf, aber ohne erhobenen Zeigefinger, ohne fertige Antworten. Es werden einfach Tatsachen gezeigt und jeder kann entscheiden, ob er das gut findet. Aber es soll die Zuschauer auch provozieren, Teile des Textes sind schon, sagen wir mal, pikant. Das gehört zum Gesamtstück und sollte niemanden abschrecken. Es geht auch um die Frage, wie gehen wir miteinander um.

Wipfler: Beispielsweise geht es um Vorurteile und Schubladendenken. Auch der Tod wird thematisiert: Wie gehen die Menschen damit um, wenn ein Freund gestorben ist? Mich hat das Stück zum Nachdenken angeregt.