Ein Kammerspiel mit Fjord
Das Theater im Steinbruch inszeniert das Selbstmörder-Drama „norway.today“ und stellt wichtige Fragen.
Zwei Jugendliche haben genug vom Leben. Glauben sie jedenfalls. Und fahren nach Norwegen, um sich gemeinsam von einer Klippe zu stürzen: Das ist, kurz zusammengefasst, die Handlung des Theaterstückes „norway.today“ von Igor Bauersima. Die Emmendinger Inszenierung des Theaters im Steinbruch feierte am Dienstag in der halbvollen Cinemaja Premiere. Das Zwei-Personen-Stück stellte das Schauspiel der beiden jungen Akteure in den Mittelpunkt – und zeigte, dass das Leben gar nicht mal so sinnlos ist.
Die beiden lernen sich im Internet kennen. In einem Chatraum. Mit Tastaturen in der Hand stehen die Schauspieler am äußersten Bühnenrand. „Ich werde, und das ist keine plötzliche Entscheidung, bald Selbstmord begehen“, spricht Julie (gespielt von Juliana Bachert) in die Leere – und zum Publikum als anonymer Masse. „Will jemand mitkommen?“ Sie findet einen Freiwilligen: August (Lorenz Allweyer). „Lang lebe der Tod“, sagt Juli. „Wir brauchen ein Zelt. Und was zu Essen.“
Julie ist, so scheint es zumindest, die überzeugtere der beiden. August wirkt unentschlossener, fast schon wie ein Mitläufer. Allweyer stellt ihn als tapsigen, unsicheren Teenager im Kurt-Cobain-T-Shirt dar. Aber auch Juli mit ihrer bestimmenden Art, ihrer Kühle und ihrer schneidenden Stimme ist nicht die abgeklärte Lebensmüde, als die sie sich ausgibt. Die Wahrheit zeigt sich in Norwegen.
Regisseur Gunter Hauß inszeniert die Reise der beiden in den Norden als Diashow: August und Juli mit Rucksäcken am Bahnhof, ein Blick aus der Economy-Klasse in Richtung Tragfläche, ein verschneiter Waldweg. Die Klippe selbst ist schmucklos: Zwei hölzerne Keilkonstruktionen stellen den Abgrund dar – und die Bühne, auf der das Drama seinen Lauf nehmen soll.
Das Selbstmordbündnis bröckelt. „Kannst du nicht mal schweigen?“, faucht Julie. „Warum?“, fragt August. „Weil du nichts sagst.“ Bauersimas Stück fordert den beiden jungen Akteuren viel ab, gerade deshalb, weil auf der Bühne eigentlich kaum etwas passiert. Meistens reden die beiden nur. Warten auf Godot mit Fjord.
Sie zweifeln. Die Klippe sei 600 Meter hoch, rechnet August vor, das würde eine Fallzeit von zehn Sekunden bedeuten. Was tun in dieser Zeit? „Du hast Angst“, krittelt Juli, „du machst schlapp.“ Die Situation eskaliert, die beiden kämpfen – und dann zeigt sich, dass der Tod gar nicht so verlockend ist.
„Norway.today“ lässt wichtige Fragen offen. Zum Beispiel die, warum um alles in der Welt es Juli und August es eigentlich so schlecht geht, dass sie sterben wollen. Das ist Absicht: Es gibt nämlich Fragen, auf die gibt es keine Antworten, kann es keine Antworten geben – die nach dem Sinn des Lebens ist eine davon.
Die Inszenierung von Gunter Hauß kommt leichtfüßig daher, hat aber trotzdem Tiefgang. Das Spannendste ist vielleicht, dass „norway.today“ trotz des traurigen Themas und Hintergrundes – das Stück basiert lose auf einer wahren Geschichte – trotzdem alles andere ist als eine Anleitung zu Trübseligkeit und Weltuntergangsstimmung. Irgendwie geht es ja immer weiter.