Sigmund Freud meets Edward Hyde

Mit „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ gelingt dem Theater im Steinbruch der große Wurf

Gewalt, Erotik, moralische Grundsätze, historische Anleihen und feinsinniger Humor: Gut 250 begeisterte Besucher erlebten am Freitagabend im Steinbruch-Theater die Premiere von „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“. Mit der Inszenierung des Stevenson-Klassikers übertrafen sich Regisseurin Simone Allweyer und ihre 23-köpfige Schauspielgruppe diesmal selbst.

London, Eaton Place, Ende des 19. Jahrhunderts. Besessen vom Wunsch, das Gute und Böse im Menschen voneinander zu trennen, experimentiert der angesehene Arzt und Wissenschaftler Dr. Henry Jekyll (Jan Bayer) heimlich in seinem Labor. Im Selbstversuch („Oh mein Gott, es wirkt“) verwandelt er sich in Edward Hyde (Michael Schäfer), einer Manifestation seiner eigenen dunklen Sehnsüchte.

In der Folge treibt Hyde sein Unwesen in London. Als Stammgast eines Bordells lebt er seine perversen Gewaltfantasien an den Prostituierten aus, verführt die naive Österreicherin Klara Pölzl (Stephanie Pleuler), überfällt den ehrbaren Mr. Carew (Roland Seidl) und erschießt den Zuhälter Davie Crook (Benedikt Bachert).

An die Eskapaden Hydes hat Jekyll selbst keine Erinnerung, doch das Experiment entgleitet ihm zusehends („Mein Doppelleben erschöpft mich zusehends“). Immer kürzer werden dabei die Abstände seiner Verwandlungen, welche Dr. Jekyll akribisch in seinem Tagebuch niederschreibt. Schon bald gerät sein Alter Ego in den Fokus der Polizei (Gottfried Groener und Harald Hornung). Besorgt sucht Jekylls Freund John Utterson (Gunter Hauß) Hilfe bei einem Nervenarzt namens Sigmund Freud (Clemens Allweyer). Letzterem gelingt es mithilfe des Tagebuchs, das Doppelleben des Edward Hyde schließlich aufzudecken.

Mit einer grandiosen Inszenierung gelingt dem Theater im Steinbruch mit „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in diesem Jahr endlich der große Wurf. Lag zwischen „Im Weißen Rössl“ (2009) und „Spiel’s nochmal, Sam“ (2012) bereits eine deutliche Steigerung, so besticht das diesjährige Sommerstück durch eine bisher noch nie dagewesene Perfektion. Mit Ausdrucksstärke sowohl in der Einzelpersonen als auch im Kollektiv, maßgeschneiderten und detailverliebten

Rollen sowie einer Handlung, die vor Erotik („Hyde ist ein perverser Sack, aber ein guter Kunde“), moralischen Grundsätzen („Fünf Pfund ist viel Geld, um einem Mann die Ehre abzukaufen“), Historizität (von Sigmund Freud bis Adolf Hitler) und Humor(„Ich werde euch gleich abhören“) nur so strotzt, übertrafen sich Regisseurin Simone Allweyer, Drehbuch-Autor Clemens Allweyer sowie die 23-köpfige Schauspielgruppe diesmal selbst.

Echte schauspielerische Glanzpunkte setzte dabei Michael Schäfer, der mit Stock, Zylinder, finsterem Blick, düsterer Stimme und dominanter Körpersprache den perversen Mr. Hyde grandios darbot und das lebendige Stück mit seinem Auftritten auf seine Weise entschleunigte. Auch Stephanie Pleuler verdiente sich mit ihrer Rolle als Österreicherin Klara Pölzl („I‘ bin a anständig’s Madl“) Bestnoten. Eine glatte Eins mit Sternchen gebührt dem Drehbuch von Clemens Allweyer. Das Motiv der Original-Novelle von Robert Louis Stevenson garnierte er mit Themen, bei denen jedem Besucher des Theaters im Steinbruch das Herz aufgehen sollte. Ein Besuch, der sich absolut lohnt.