Pippi, im 21. Jahrhundert angekommen
Die Premiere des populären Kinderstücks im Theater im Steinbruch war ausverkauft.
Nein, den Liedklassiker „Hey Pippi Langstrumpf, trallari, trallahey, tralla hopsassa“ wird man in der Inszenierung des Theaters im Steinbruch nicht hören, dafür einen Pippi-Rap von Michael Bach und viel zum Lachen. Bei Isabell Steinbrichs Inszenierung mit Liebe zum Detail, witzigen Ideen und einem überraschenden Schluss haben auch die Größeren jede Menge Spaß. Pippi ist eindeutig im 21. Jahrhundert angekommen – und bei ihrem Publikum, das dicht gedrängt im Schatten saß, während die jungen Akteure auf der Bühne schwitzten.
Ja, es war heiß an diesem Sonntagnachmittag, die ganze Stadt ruhig. „Die sind alle bei uns“, strahlt Monika Wipfler vom Theater im Steinbruch. Die Premiere des Kinderstücks ist ausverkauft – verdientermaßen. Die jungen Darsteller sind ungemein präsent (vor allem die Hauptdarstellerin – eine tolle Leistung im Dauereinsatz!). Doch auch für die anderen gilt: Keiner ist einfach nur auf der Bühne, sie leben in ihren Rollen, auch wenn sie grade nicht im Fokus stehen, ob als nachsichtige Lehrerin, Polizist, Strolch oder Matrose, ob als Äffchen (davon gibt’s sogar zwei) oder Schulkind.
Der Auftakt ist ganz klassisch. Pippi hisst die Flagge an der Villa Kunterbunt und mit vielen bunten Handtüchern zeigt sie gleich, dass hier ein anderer Wind wehen wird. Doch gleich darauf kann Murielle Meier zeigen, dass sie nicht nur den Pippi-typischen Klamauk drauf hat, sondern auch nachdenklichere Szenen hervorragend meistert. Etwa, wenn eine Traumsequenz den Zuschauern verdeutlich, wie es kommt, dass das kleine Mädchen mit den großen Schuhen allein in der Villa haust. Oder sie über ihre Tendenz zum Lügen oder, wie sie sagt, Geschichten erzählen philosophiert. Ihre kleinen Nachbarn Tom und Annika sind fasziniert, obwohl … „L-i-h!“ Lügen ist hässlich, das sagt sich jetzt auch Pippi oft.
Ja, Pippi weiß schon, dass sie ein bisschen anders ist als die anderen und so scheut sie sich ein wenig vor dem Kaffeekränzchen, weil sie sich doch nicht benehmen kann. Nun, vom Standpunkt der Großen hat sie ja Recht. Da hilft selbst das feine rote Tupfenkleid nicht, das sie zur Feier des Anlasses anlegt. Denn wer die Füße auf den Tisch legt und die quietschrosa Riesentorte nach dem Geheimrezept von Frau Rosenblom mit der Nase erkundet, der kommt bei den vornehmen Damen nicht so gut an, mag Pippi ihnen noch so galant … die Hand küssen!
Verkehrte Welt? Hm, diese Damen sind einen Extrablick wert. Exaltiert, zu fein für diese Welt, so kennt man solche Settergrens, Larssons und Granbergs. Aber diese Damen haben’s in sich, da lasse man sich nicht von feinen Hüten und wogenden Busen blenden: Die meisten sind nämlich männlichen Geschlechts und, es muss leider gesagt sein, jede hat eine (sehenswerte) Macke; so gibt der zappelnde Johannes Wipfler einen wunderbaren ADHS-Kandidaten. Annabelle Völker als Waisenrätin Prysselius steht ihm kaum nach, wenn sie wegen des Pferdes auf der Veranda losquiekt. Die Walzerklänge zur „heiligen Pflicht“, dem armen Waisenkind Pippi beizustehen, wirken ebenso verschmitzt wie der Moment, in dem sie ihren Seebär-Vater präsentiert: Erst mal die ganze Reihe von Matrosen und schließlich Efraim Langstrumpf. Benedikt Bachert schafft es mit seinen 20 Jahren tatsächlich, zugleich sportlich-dynamisch und dennoch mindestens dreimal so alt zu wirken wie die anderen. Pippi hat ja inzwischen mehr Kraft als der alte Seeräuber und wird spielend mit der Polizei, die im herrlich knatternden Zweitakter herantuckert, mit einer Kinderbande und mit Landstreichern fertig und mit der Schule sowieso. Alles wie im Buch. Nur ein bisschen farbiger, griffiger, moderner, näher an der Lebenswelt der Zuschauer als Astrid Lindgrens Klassiker aus den 1940er-Jahren.
Und trotzdem unverwechselbar Pippi Langstrumpf, die weiß, was wichtig ist im Leben: Das lernt man nämlich auf der Hoppetosse, dem Schiff ihres Vaters. Vielleicht sollten ein paar „Große“ da mal anheuern? Aber für den Anfang reicht ein Besuch beim Theater im Steinbruch! Nächster Termin ist der 3. Juli, 16 Uhr. Tipp: Karten reservieren, denn bei der Premiere mussten zahlreiche Theaterfreunde abgewiesen werden – mangels Platz.