Endspurt bei „Rabatz im Zauberwald“

Wenn Märchenfiguren ihrer wichtigsten Requisiten beraubt werden, was wird dann aus den Märchen? Genau, sie funktionieren nicht mehr! Und deswegen müssen Rotkäppchen und Dornröschen, der gestiefelte Kater und Pinocchio, den Dieben ihre Beute wieder abjagen…

Was wäre die Hexe ohne ihre Lebkuchen, Dornröschen ohne seine Spindel, Rotkäppchen ohne sein rotes Mützchen, Pinocchio ohne lange Nase und der gestiefelte Kater ohne entsprechendes Schuhwerk? Gar nichts! Aber genau so ergeht es diesen und vielen anderen Märchenwesen beim „Rabatz im Zauberwald“, dem märchenhaft-spannenden Kinderstück des Theaters im Steinbruch. Denn da waren dreiste Diebe am Werk… Bis zur Premiere am Sonntag sind fast täglich Proben angesagt im Naturtheater im Steinbruch. 32 Darsteller im Alter zwischen acht und 60 Jahren bevölkern den Zauberwald. Seit Februar proben sie zweimal wöchentlich, seit den Osterferien, als sie draußen spielen konnten, sogar dreimal pro Woche, selbst bei Schnee im April, wie sich Regisseurin Isabell Steinbrich erinnert. Jetzt geht’s an den Endspurt, seit drei Wochen treffen sich die überwiegend jungen Darsteller vier- bis fünfmal die Woche und legten auch schon mal einen Proben-Intensiv-Sonntag ein.

Geduldig lassen sich König wie Schneiderlein korrigieren, wenn die Regisseurin am Ausdruck feilt, etwa entscheidet, dass die Majestät doch an einer anderen Stelle stehen soll, wenn er die Märchenpolizei auf den Weg schickt. Die ist nämlich nötig, um die Requisiten der Märchenfiguren wieder herbeizuschaffen. Eine Rattenhorde hat sich die Matratze der Prinzessin auf der Erbse ebenso geschnappt wie Aladins Zauberteppich und all die anderen Dinge, ohne die die bekannten Märchen eben keine wären. Unerhört! Da muss was geschehen…

Und es muss Leben herrschen auf der Bühne. Isabell Steinbrich hüpft vor den Kindern her, erklärt erst, zeigt dann, was sie meint; am liebsten, so scheint es, würde sie mitspielen. Und dann: „Okay; Achtung, Ruhe, Raphael, die Hände aus den Taschen…“ Die Szene läuft weiter.

Steinbrich, die im vergangenen Jahr das Erwachsenentheater für den Verein inszeniert hat, kommt ja vom Kindertheater her. Die besondere Herausforderung bei diesem Stück sieht sie in genau dem Grund, der bei der Auswahl für den „Zauberwald“ sprach: Es gibt sehr viele Sprechrollen für die Kinder, die Märchenfiguren, 15 Ratten … Noch ein bisschen komplizierter wird’s, weil acht Rollen doppelt besetzt sind; einige Kinder können aus schulischen Gründen nicht an jeder der zehn Aufführungen teilnehmen.

Was ist der größte Unterschied zum Spiel der „Großen?“ Generell benötigten Kinder eine „Rundumbetreuung“, die Proben haben auch eine pädagogische Seite, sagt Steinbrich. Insofern sei es einfacher, im Erwachsenentheater Regie zu führen –– doch dafür mache es mit den Kindern sehr viel Spaß: „Sie sind schneller entzündbar, haben keine Hemmungen.“ Wo Erwachsene mehr Anlauf benötigten, auch mal „psychologische Betreuung“, spielten die Kinder munter drauflos. Und lassen sich ebenso wenig wie ihre Regisseurin davon beeindrucken, dass die Technik grade mal „tot“ ist und die Techniker den Klagegesang einlegen, bis die Musik wieder flott ist. „Simon, du darfst nicht lachen“, ermahnt sie prompt den König. Um gleich darauf mit der Märchenpolizei deren Song einzustudieren. Ja, es bleibt noch einiges zu tun … Aber schon jetzt zeichnet sich ab: Das Stück wird kleine und große Kinder begeistern. Nicht nur, weil sie immer mal einbezogen werden. Sondern vor allem, weil so viel los ist auf der Bühne. Langeweile dürfte da ein Fremdwort sein!