Graf Dracula gibt sich die Ehre
Das Theater im Steinbruch feierte einen Riesenerfolg mit der Gruselkomödie / Hohe Investitionen in das Spielgelände
Einen Riesenerfolg feierte das Theater im Steinbruch am Samstag mit der Premiere seines Abendstückes „Dracula“. Selbst auf der noch nicht ganz fertiggestellten Nebentribüne (der Verein hat in dieser Saison rund 100 000 Euro in Toiletten und Gelände gesteckt, wie Vorsitzender Hans-Joachim Wipfler erklärte — ohne öffentliche Mittel!) saßen Besucher und es gab häufig verdienten Zwischenapplaus für einzelne Gags. Statt Gruseln war Vergnügen angesagt.
Fast könnte man meinen, Clemens Allweyer, der das Stück frei nach dem Roman von Bram Stoker geschrieben hat, habe allen Darstellern ihre Rollen auf den Leib geschneidert. Auf jeden Fall ist sein Dracula optimal auf das Theater im Steinbruch abgestimmt. Das gilt ebenso für Michael Bachs Musik. Schön schaurig-dramatische Klänge hat er geschaffen, dazu flotte Songs mit Pfiff, die auch Laien bewältigen können.
Ein hintergründiger Humor und das Spiel mit witzigen Doppeldeutigkeiten kennzeichnen das ganze Stück. Etwa wenn der Graf in den Karpaten zu Tisch bittet und seinen Gästen erklärt, dass er nur flüssige Nahrung vertrage und es nicht immer so leicht sei, seinen besonderen Bedarf zu decken, oder er seine kalte Hand mit einer „vorübergehenden Blutarmut“ erklärt. Clemens Allweyer als eiskalter, leicht diabolischer Dracula bringt das mit leicht schnarrender Stimme akzentuiert ’rüber — eigentlich müssten seine Gäste Verdacht schöpfen, wenn sie ihn nur genau beobachten, seinen gierigen, ja schon fast saugenden Blick sehen könnten, wenn er ihnen die Mäntel abnimmt. Doch die durch und durch „englische“ Lady Bedford (Ingrid Schuler) und ihr flotter Neffe Jonathan (Gunter Hauß) riechen ebensowenig Lunte wie das Londoner Opfer Lucy, die Nicole Meier überzeugend naiv und aufs Vergnügen bedacht spielt. Ihr kann weder der tüchtige Hausarzt (Michael Schäfer) helfen noch der Spezialist Professor van Helsing, den Hans Bürkin sehr handfest gibt. Kein Wunder, dass Dracula da echte Zweifel an des Professors Jack-the-Ripper-Story zu wecken vermag, die der ganz unvermittelt auftischt. Verblüffend, aber das war ein Thema jener Zeit; die Geschichte verleiht dem Spezialisten menschliches Profil und bahnt den komödiantischen Teil zum Happy-End an. Draufgängerisch, fast übermütig brechen die Dracula-Geschädigten mit dem Transsylvanien-Song in die Karpaten auf, wohin der böse Graf Harkers Verlobte Mina Murray (patent: Miriam Meral) verschleppt hat. Mit Situationskomik, oft an der feinen englischen Art oder einer liebenswerten Tollpatschigkeit festgemacht, wird nicht gespart. Etwa wenn Harald Hornung als reichster und begehrtester Junggeselle Londons deutlich macht, dass er nicht mal zum Blut spenden taugt, dafür aber Draculas gefährlichen Gehilfen fast aus Versehen außer Gefecht setzt. Den seinem Meister tief ergebenen Renfield spielt Detlef Koraleski so, dass ihm wohl die wenigsten Besucher gern allein im einsamen Park begegnen würden!
Und das im zivilisierten London, wo eine Tasse Tee noch immer das Allheilmittel ist , Mrs Murray gegen eine Erkältung und für das Frauenwahlrecht kämpft. Grade singt Simone Allweyer noch kampfeslustig: „Wir werden euch was husten“ ins Mikrofon, dann bricht sie zusammen — nach einem Hustenanfall. Das gelungene Gegenstück ist Bettina Ferring, die als Krankenschwester Jane Mansfield jeden Mann mehr als nur anhimmelt.
Ein bisschen Ironie, eine Portion Augenzwinkern packt Regisseurin Isabel Rothe noch obendrauf. Da folgt auf das friedlich-süße Wiegenlied „Guten Abend, gute Nacht“ der gruselige Knalleffekt und umgekehrt beendet dieses Thema die Szene mit drei gierigen Vampirinnen (ein schön biestiges Trio: Alexandra Wipfler, Christina Menner und Beate Arnold). Am Ende stehen vier glückliche Paare und ein zu Recht strahlendes Theaterteam auf der Bühne. Ob das mit der Vampirbekämpfung aber so richtig geklappt hat& Davon sollte sich jeder überzeugen!