Ein Geizhals, drei Geister und viel Glühwein
Das Theater im Steinbruch führt unter freiem Himmel eine Bühnenfassung der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens auf – und begeistert.
„Experiment geglückt“, sagt Hans-Joachim Wipfler, Vorsitzender des Theaters im Steinbruch, nach der Premiere von „Fröhliche Weihnachten, Mister Scrooge!“ am Samstagabend. Es ist das erste Mal, dass die Freilichtbühne kurz vor Weihnachten ein Stück aufführt – die 320 Zuschauer im ausverkauften Theater bedanken sich mit tosendem Applaus.
Die Temperaturen sind nicht ganz im Keller, dafür sorgt ein unangenehmer Wind für unwohlige Kälte. Immerhin: Gegen diese helfen Wolldecken und Glühwein. Doch genau die Kälte ist auch ein Grundmotiv in der klassischen Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens: Es ist kalt an diesem winterlichen Heiligabend im 19. Jahrhundert in England, in dem das Stück spielt – und es ist kalt im Arbeitszimmer des widerlichen Geizhalses Ebenezer Scrooge, der sich und seinem Angestellten gerade mal ein Stück Kohle für den Ofen gönnt. Scrooge ist auch hart zu sich selbst, zieht Haferschleim einem Festessen an Weihnachten vor. Ein ähnlich frostiges Verhalten zeigt er gegenüber seinen Mitmenschen, die es bei ihm noch aushalten müssen. Sein Angestellter Bob Cratchit (Johannes Wipfler) bittet darum, dass er weitere Kohlen im Ofen nachlegen dürfe. „Von wegen!“, erregt sich Scrooge. „Hier ist es wärmer als draußen.“
Er lässt keinerlei Kritik oder auch nur leisen Protest an sich heran – und droht: „Du wirst sehen, wie kalt es sein wird, wenn du auf der Straße sitzt.“ Eine Spendensammlerin (Juliana Bachert) wird von Scrooge brüsk zurückgewiesen – ob es keine Gefängnisse und Armenhäuser gäbe? Auch sein Neffe muss unter dem Geizhals leiden und kann ihn nicht davon überzeugen, was Weihnachten bedeutet – und dass sich eigentlich die Familie bei diesem Fest versammelt. Weihnachten ist für Scrooge nichts als Schwindel, ein Fest, um den Leuten Geld aus der Tasche ziehen: „Mach die Kerze aus. Die Dunkelheit kostet nichts.“
Etienne Pfundheller füllt die Rolle des alten Geizhalses mit Bravour und jeder Menge Glaubwürdigkeit aus – sowohl hinsichtlich der famosen und eindrucksvollen Mimik und Gestik als auch bezogen auf die präsente und adäquate Ausdrucksweise dieses Mannes, der im rauen abschätzigen Ton sagt: „Weihnachten ist Humbug.“
Pfundheller trägt das Stück und ist durchgehend auf der Bühne zu sehen. Es gelingt ihm, den knarzenden alten Mann so zum Leben zu erwecken, dass es eine Freude ist, dessen Läuterung durch die Begegnung mit drei Geistern zu erleben: Da wären der „Geist der vergangenen Weihnacht“, gespielt von Johannes Wipfler, der „Geist der gegenwärtigen Weihnacht“, dargestellt von Juliana Bachert, sowie der „Geist der zukünftigen Weihnacht“, gespielt von Nils Köllermann. Doch bevor ihm die drei Geister erscheinen, sieht Scrooge seinen alten verstorbenen Geschäftspartner und Weggefährten Jacob Marley (Gottfried Groener), dessen Tod am Anfang des Stückes sofort angekündigt wird, als kettenrasselnden Geist. Die Kettenglieder sind durch seine schlechten Taten geschmiedet worden und wachsen Stück für Stück. Jacob Marley warnt Scrooge vor den drei Geistern: „Nutze die Chance und bessere Dich. Denk an die Ketten!“ Nun liegt es an den drei Geistern, Scrooge zu bekehren.
Nicht nur Pfundheller ist für diese Schauspielleistung zu bewundern, auch die anderen Darsteller überzeugen. Bühnenausstattung, Kostümierung und Beleuchtung sind ebenfalls stimmig – und versetzen den Zuschauer ins kalte 19. Jahrhundert.