„Der ganze Verein ist eine Sucht“
BZ-INTERVIEW mit Hans-Joachim Wipfler und Jasmin Baumgratz vom Theater im Steinbruch über Jubiläum und Theaterleidenschaft.
Das Theater im Steinbruch plant für den 10. Juni einen Tag der offenen Tür und feiert außerdem ein kleines Jubiläum, nämlich zehnjähriges Bestehen. Sylvia-Karina Jahn sprach mit dem Vorsitzenden Hans-Joachim Wipfler und seiner Stellvertreterin Jasmin Baumgratz.
BZ: Sie feiern zehn Jahre Theater im Steinbruch – warum eigentlich? Die Theatertradition dort ist ja mindestens 80 Jahre älter! Und noch immer denken viele Menschen beim Steinbruch an die alte Volksbühne.
Wipfler: Wir mussten vor zehn Jahren ganz neu anfangen. Die Volksbühne war über Jahre hinweg finanziell klamm und ging in Insolvenz. Wir hatten das Glück, dass Sparkasse, Stadt und ein privater Geldgeber uns wohl gesonnen waren, und konnten in der Saison darauf das Theater im Steinbruch neu eröffnen. Es waren im Großen und Ganzen die alten Leute, aber ein komplett neuer Vorstand. Damals setzten wir uns das Ziel, nie mehr auf Zuschüsse zu zählen und nie wieder Schulden zu machen, sondern vom Eigenverdienst zu leben. Das Theater steht heute nicht nur finanziell sehr gut da; das wollen wir feiern.
BZ: In der Tat kam der Verein wie Phönix aus der Asche wieder ins Rampenlicht und die Verantwortlichen können sich über gut besuchte Vorstellungen freuen. Wie haben Sie das so schnell geschafft?
Wipfler: Der neue Vorstand – damals waren es Clemens Allweyer als Vorsitzender, ich als sein Stellvertreter und Marc Sommer als Kassierer – hat bei Stadtverwaltung und Bevölkerung schon etwas bewirkt. Wir mussten seinerzeit das Konzept im Kulturausschuss vorstellen. Von Anfang an haben wir auch eine gute, offene Pressearbeit gemacht. Dann kam uns ein superguter Sommer zu Hilfe; ein privater Geldgeber hatte uns ein Darlehen auf drei Jahre zinslos zur Verfügung gestellt und wir konnten es nach der ersten Saison zurückzahlen. Wir haben ein neues Bewirtungskonzept entwickelt und wir bieten neben zwei Sommerstücken auch ein Winterstück. All das beschert uns je nach Wetter 6500 bis 7500 Zuschauer im Jahr. Das Winterprogramm weiten wir gerade auf zwei Stücke aus. Und: Wir haben eine supergute Mannschaft.
BZ: Dabei klagen alle Vereine über Mitgliederschwund, und das, obwohl sie ja ihren Mitgliedern die Möglichkeit geben, ihrem Hobby nachzugehen. Wie ist das bei Ihnen? Amateurtheater ist ein anspruchsvolles Hobby, da kann man nicht nur abends schnell zum Training oder zur Probe düsen, man muss Text lernen und oder mitarbeiten…
Baumgratz: Da ich auch Spielerin bin, kann ich das ganz leicht entkräften. Es ist eine Frage der Eigenmotivation. Ich bin ja zum Verein gekommen, weil ich spielen möchte, da ist es kein Problem, Texte zu lernen. Zudem führt Simone Allweyer nicht nur Regie, sie bereitet uns auch auf die Rollen vor. Ich bekomme sehr viel zurück, es ist eine Form der Selbstbestätigung. Und wer weiß, dass er sich nicht vorbereiten möchte, findet auf anderen Gebieten genug zu tun.
Wipfler: „Theater ist eine Sucht“, sagt unsere Regisseurin Simone Allweyer. Ich gehe noch weiter, weil es auch für Technik, Maske und Bewirtung gilt: Der ganze Verein ist eine Sucht, und so ist es relativ leicht, Mitglieder zu finden. Auch im Kinder- und Jugendtheater. Da läuft ein großer Lernprozess, Kinder, die bei uns spielen, haben in der Regel keine Probleme in der Schule und das wissen die Eltern. Aber es stimmt schon, dass man bis August jedes Wochenende gebunden ist.
BZ: Der Verein steht in Emmendingen einzigartig da. Wie sehen Sie die Zukunft des Amateurtheaters inmitten einer Event- und Spaßkultur?
Wipfler: Im Moment habe ich da keine Bedenken. Schließlich sind wir selbst ein Event, jede Aufführung ist das für uns. Außerdem suchen die Leute auch mal etwas Ruhe, etwas Hinterfragendes, nicht nur Event und Halligalli bis zum Geht-nicht-mehr. Das merken wir auch daran, wie unser Park genutzt wird. Und unser Spielerbeirat schlägt Stücke vor, die in die Zeit passen, reagiert darauf, was gerade aktuell ist. Das Theater hat Zukunft, das sieht man auch in Breisach, Reutlingen, Ötigheim. Bei den Freilichtbühnen kommt der Freizeitcharakter dazu.
BZ: Wie sehen die Pläne für die Zukunft des Theaters aus? Sie kooperieren mit der Cinemaja, dem neuen Kino mit Kleinkunstbühne…
Wipfler: Das funktioniert sehr gut, wir können nun im Herbst und im Januar dort spielen. Beim Winterstück wagen wir immer mal wieder ein Experiment: Die Schauspieler können sich ausprobieren und wir dem Publikum etwas Besonderes bieten. Beim Woody-Allan-Stück „Spiel’s nochmal, Sam“ waren die 180 Plätze bei allen vier Vorstellungen ausverkauft und viele Leute haben keine Karten mehr bekommen, deswegen spielen wir es im Herbst erneut. Außerdem wird „Norway.today“ von Igor Bauersina gegeben, ein modernes Zwei-Personenstück.