100 Jahre Laientheater in Emmendingen: So kam das Theater in den Steinbruch
Das Theater im Steinbruch blickt vor dem Beginn der neuen Saison auf 100 Jahre Amateurtheatertradition in Emmendingen zurück. Ihm fehlte oft Geld, einmal war es sogar pleite. Heute blüht es auf.
„Es lag in der Luft“, sagt Stadthistoriker Hans-Jörg Jenne zur Gründung der Dramatischen Gesellschaft vor 100 Jahren. Theater gab es in Emmendingen bis dahin nur von der evangelischen Kirche, die christlich geprägte Stücke wie die Martin-Luther-Festspiele bot, sowie durch reisende Gruppen. Doch trotz des Niedergangs im ersten Weltkrieg war in den 1920er-Jahren gesellschaftlicher Optimismus zu spüren. Selbstbestimmt etwas tun, Theater vom Volk für das Volk zu bieten – so beschreibt Jenne die Motivation der Gründerväter.
Emil Geier, der SPD nahe stehend, war einer der Motoren der Dramatischen Gesellschaft, die am 29. November 1924 ihren ersten Auftritt hatte. „Dilettantenbühne“ nannte sie sich – und suchte Unterstützung bei Profis, oft vom Freiburger Stadttheater. Beim ersten „Weißen Rössl“ führte Fred Immigkofen Regie, danach Intendanzrat Harry Schäfer. Schäfer, später Geschäftsführer des Freiburger Verkehrsvereins, hatte die Freiburger Passionsspiele geleitet und nun Aufführungen der Freilichtbühnen Breisach, Emmendingen, Lenzkirch, Rheinfelden und Staufen.
Emmendingen war anfangs eine reine Saalbühne. Gespielt wurde im Dreikönigssaal und kein Aufwand gescheut: Ein Kölner Theatermaler gestaltete das Bühnenbild, 100 Lampen rückten das Ganze ins rechte Licht. Ein Handfeuerlöscher wurde ebenfalls angeschafft.
Die Breisgauer Nachrichten waren skeptisch – und nach der Aufführung begeistert. Diesem „Ritterschlag“ folgte fast alle vier Wochen ein neues Stück: Weihnachten 1924 „Hänsel und Gretel“, gefolgt von „Ein toller Einfall“ im Februar 1925, im März „Alt Heidelberg“, dann der „Raub der Sabinerinnen“ und das „Weiße Rössl“ wurde wieder aufgenommen. Wie das zu bewältigen war? „Es gab kein Fernsehen“, sagt Jenne. „Dafür aber das Bestreben, ständig Unterhaltung zu bieten.“ Doch der finanzielle Erfolg blieb aus, Spenden wurden erbeten. 1933 wurde die Dramatische Gesellschaft von den Nazis kaltgestellt. „Es gab nur noch die Nazigruppen, die die Stadt bedrängten, ihnen Räume kostenlos zur Verfügung zu stellen“, weiß Jenne aus entsprechenden Schreiben im Stadtarchiv.
Bereits 1946 durften die Laienspieler weitermachen. Wie die Volkshochschulen entsprach das Volkstheater dem Kulturverständnis der Franzosen, sagt Jenne, dessen Vater 1947 im „Weißen Rössl“ mitgewirkt hatte. Emil Geier war erneut federführend, ebenso Harry Schäfer als Spielleiter. Gespielt wurde vor dem Schlosserhaus. Es gab sogar einen Sonderstempel der Bundespost zu diesen Freilichtspielen. Aber 1949 bekam Bürgermeister Karl Faller Post von einem empörten Emmendinger Akademiker: Wie könne man nur im Goethejahr vor dem Schlosserhaus „Im weißen Rössl“ spielen – und nicht „Hermann und Dorothea“?
1959 bat der Verein einmal mehr um Spenden; er beantragte die Aufnahme in den Landesverband im Bund deutscher Volksbühnenspiele. Gespielt wurde damals der „Etappenhase“ – wieder im Dreikönigssaal. 1962, da war die Volksbühne eingetragener Verein, verlagerte sich die Szenerie auf den Schlossplatz, 1966 auf den alten Festplatz am Burghang, wo heute eine Halbtiefgarage ist. Hier fanden 1965 die Emmendinger Karl-May-Festspiele statt. Aber Kulissen und Tribüne mussten in jeder Saison auf- und abgebaut werden, Lagermöglichkeiten fehlten. Im Jahr darauf machten Wetter und Publikum dem Verein einen Strich durch die Rechnung.
Dann fand die Volksbühne ein Zuhause hinter der ehemaligen Maja-Schuhfabrik. Zum Neustart 1969 waren die Besucherzahlen eher bescheiden, doch 1972 sahen 3000 Menschen „Das Loch im Zaun“ und „Kein Auskommen mit dem Einkommen“. 1976 spielten im „Haus in Montevideo“ erstmals Kinder mit – das Theater wurde zur Familiensache, die Eltern konnten die Kleinen mitbringen. Daraus entstand ein Jahr später das Kindertheater. Zeitgleich wurde am Gelände gearbeitet, saniert, erneuert – wie heute.
Dann, 2001, der Schock: Die Volksbühne meldete Konkurs an. Der damalige Vorsitzende hatte Geld veruntreut und wurde verurteilt, der Verein zwangsweise aufgelöst. Und bekam 2002 einen Nachfolger: das Theater im Steinbruch unter der Leitung von Clemens Allweyer und Hans-Joachim Wipfler, der bis heute Vorsitzender ist. Die Zuschauerzahlen stiegen, Investitionen waren möglich: in Bühnentechnik, neue Räume, Toiletten, eine neue Tribüne. Aber es gab auch Lärmschutzauflagen – deswegen beginnen die Abendvorstellungen um 19.30 Uhr, denn um 22 Uhr muss Ruhe herrschen. Saalproduktionen ergänzten das Freilichtangebot. 2018 wurde das erste Weihnachtsstück im Freien gespielt: „Fröhliche Weihnachten, Mr. Scrooge“. Ein Riesenerfolg – weshalb es nun alle zwei Jahre geplant ist. Die Corona-Zwangspause überbrückte das Theater 2021 mit „Gretchen 89 ff“ und „1001 Nacht“, die in kleinen Gruppen geprobt wurden. 2022 besuchten erstmals mehr als 10.000 Menschen die beiden Sommerstücke, 2023 kamen rund 12.000 Gäste zum „Piratensommer.“ Dieses Jahr locken „Kleiner König Kalle Wirsch“ und „Don Camillo und Peppone“.