Gretchen bekommt ihre eigene Bühne
Das auf der Kästchenszene aus Goethes Faust basierende Stück „Gretchen 89ff.“ erhält letzten Schliff vor der Premiere, die am 2. Juli über die Bühne gehen soll.
Die 19 Schauspieler des Theaters im Steinbruch feierten am Sonntag ihre eigene Premiere. Viele Szenen des Erwachsenenstücks „Gretchen 89ff.“ sehen sie bei der Durchlaufprobe selbst zum ersten Mal. Was die Mitspieler bisher geübt haben, geschah überwiegend im kleinen Kreis, zumeist per Video-Schaltungen, erst seit kurzem in Präsenz. Und nun drängt die Zeit. Knapp zwei Wochen bleiben bis zur Premiere vor Publikum am 2. Juli.
Dort, wo die Theaterbesucher dann coronakonform sitzen werden, haben sich die Laienschauspieler zur Probe ihre Plätze eingerichtet. Immer auf Abstand bedacht, wofür die überdachte Haupttribüne gut Platz bietet. Bei den Präsenzproben wird streng darauf geachtet, dass die GGG-Regeln eingehalten werden. Viel größer als die Sorge vor einem Texthänger ist die vor dem Virus in der Truppe, der auch so schon so vieles auf den Kopf gestellt hat.
An eine Aufführung von Romeo und Julia, auf dem Spielplan für 2020 und dann abgesagt, war auch bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs nicht zu denken. Allein schon, weil dabei zu viele Personen zu dicht gemeinsam auf der Bühne gestanden wären. So fiel die Wahl auf „Gretchen 89ff.“ von Lutz Hübner, der letztlich zehn Zweipersonenstücke aneinanderreiht. Den roten Faden dabei liefert die „Kästchenszene“ aus Goethes Faust, die sich, „zumindest in der alten Fassung der Reclam-Hefte“, so Regisseur Benedikt Bachert, auf Seite 89 und folgenden finden lässt. Mit dieser wird dann auch das Stück eingeleitet, „damit die Besucher vorher nicht noch mal bei Goethe nachschlagen müssen“.
So ließ sich die Probenarbeit von den jeweiligen Szenen-Duos relativ autark und kontaktarm gestalten, erklärt Bachert. Auch der jeder Szene vorangestellte Prolog läuft nach dem gleichen Strickmuster ab. Zugleich erlaubt die Struktur des Stücks, Ausfälle, die niemand will, wenn sie dann doch kommen, recht unkompliziert zu kompensieren. „Im schlimmsten Fall lassen wir dann eine Szene weg“, so Bachert. Gut möglich, denn die Szenen aus dem Theaterleben bauen nicht aufeinander auf. Konzentriert, regelrecht spartanisch im Vergleich mit früheren Produktionen, fällt zudem das Bühnenbild aus. „Weil wir in der Welt des Theaters spielen, spielen wir in einem Theater, in dem gerade 1001 Nacht als Kinderstück inszeniert wird“, so der 30-Jährige.
Es mag so vieles wie ein von den Umständen geforderter Kompromiss aussehen, doch der erste Eindruck der Probenarbeit belehrt eines Besseren. „Es geht letztlich darum, dass die Schauspieler ihre Rolle ausleben und dabei Spaß haben“, so Bachert. Es müsse deutlich werden, was unter dem Text lebt. Für ihn ganz wichtig, dass bei allem Agieren, bei allem Verstehen, was der Darsteller weshalb tut, das Spielerische nicht verloren geht. „Nicht umsonst heißt es Schauspiel“, so der Theaterpädagoge. Bei der Durchlaufprobe lässt er den Akteuren deshalb auch freie Hand, ruft nur gelegentlich mal „lauter“ dazwischen.
Das Tempo durch kurzes Fingerschnipsen forcieren, wie er es angekündigt hat, muss er nicht, denn mit dem Start legen die Laien mit großer Intensität los. Die eine oder andere Anmerkung spart Bachert sich auf für ein direktes Gespräch, Stichworte sammeln sich im Protokollbuch. Mit Spannung verfolgen die Schauspieler, die gerade nicht dran sind, das Agieren ihrer Kollegen und manch einen Lacher können sie sich nicht verkneifen. Schließlich kennen sie bis dahin selbst die Pointen nicht. Zum Ende gibt’s als Lohn immer wieder Szenenapplaus. Spürbar ist: Die Truppe selbst ist voneinander begeistert.
Dann kommt, was alle erhofft hatten, dass es für diesen Abend vorüber geht. Der Guss vom Himmel sorgt für eine Unterbrechung, die Requisiten werden ins Trockene gebracht und die Akteure versammeln sich unterm Tribünendach. Auch jetzt erweist sich das Stück als Glücksgriff. Selbst da, auf und zwischen den Sitzreihen, lässt sich als trockene Alternative zur ebenen Bühne weiterproben. Rückenlehnen sind kein Hindernis, das den Dialog ins Stocken bringen könnte. Voller Energie geht es zur Sache, wogt das Geschehen hin und her. Deutlich wird, das aktuelle Stück des Theaters am Steinbruch lebt fast ausschließlich von den Typen, die auf der Bühne stehen und nicht von all dem Drumherum. Charaktere, die in der Welt des Theaters überspitzt dargestellt werden, die sich jedoch nicht nur dort finden. „Ich bin mir sicher, dass es nicht einen Besucher geben wird, der am Ende in einem der Charaktere nicht eine Person aus seinem Bekanntenkreis wiederentdeckt hat“, so Regisseur Bachert. „Gretchen 89ff.“ ist ganz nah dran am wirklichen Leben.