Das Königspaar in Fesseln

VOR DER PREMIERE: Ein Besuch bei den schweißtreibenden Proben für „Dornröschen – verflixt und zugeheckt“ im Theater im Steinbruch.

Ein knappes Dutzend Fahrräder steht vor dem Bühneneingang, am „Brunnen“ wird die Mauer gestrichen und ein hässliches Lachen schallt über den Platz des Theaters im Steinbruch. Das ist die böse Fee Stacheline bei der Probe zum Kinderstück „Dornröschen – verflixt und zugeheckt“. Wer nur das klassische Märchen erwartet, wird überrascht sein. Denn die Musik spielt in der Küche und bei Dornröschens Rettung ist es nicht mit einem Schwerthieb getan. Es ist schwül an diesem Tag im Theater. Eine große Schale mit Fruchtgummis steht auf dem Tisch, daneben eine Packung Laugenbrezel. Und wenn Fee Floralia ungefähr 100 mal 100 Sekunden durch zehn als Pause ankündigt, mahnt Regisseurin Isabelle Steinbrich zur Trinkpause für die 19 Akteure zwischen elf und 19 Jahren. Da fliegen Kochjacken in die Ecke, der König muss seinen pelzverbrämten Umhang ebenso wenig tragen wie der Schlosshauptmann seine schweißtreibende Montur, und die gute Fee Floralia darf noch in Shorts und Top statt in blumenverzierter Hochzeitsrobe über des Rasen laufen. „Hinter der Bühne werden Wassereimer stehen, damit sie sich die Hände kühlen können“, sagt Silvia Gschwendtner, Ressortleiterin fürs Kinderstück.

Die Probe geht weiter, wieder in voller Montur. Isabell Steinbrich weist die Küchentruppe ein. Denn sie hat das Hauptgeschehen in die Küche verlegt, „wie im richtigen Leben“. Es gibt viel zu tun dort für das Geburtstagsfest der Prinzessin: Gemüsesuppe kochen, Karotten schnippeln, Kräuter zupfen, Eier für den Kuchen aufschlagen… Und es gibt Streit – kennt man ja. Schnell wird klar: für die liebevollen Gags und Überraschungen, für die das Steinbruch-Theater bekannt ist, bietet Dornröschen viel Raum.

Da ist zum Beispiel der Schlosshauptmann so in Sorge, dass sich die böse Fee anschleichen könnte, dass er jede und jeden verdächtigt – und sogar das Königspaar verhaftet. So kommt es, wie es kommen muss, die böse Fee hat Erfolg. Damit ist slow Motion angesagt für die quirligen Schauspieler. Gar nicht so leicht. Benedikt Bachert, der das Erwachsene-Stück leitet, gibt Tipps für den stabilen Stand bei extrem langsamen Bewegungen – das ist nämlich gar nicht so leicht, und Wackeln sähe einfach nicht gut aus.

Es herrscht eine gute Zusammenarbeit zwischen Erwachsenen- und Kindertheater. Dazu trägt im März ein Hüttenaufenthalt bei, bei dem gemeinsam gespielt wird. Die Jugendlichen helfen am Samstag beim Aufbau für die Premiere der Erwachsenen, die sich eine Woche später revanchieren können.

Auch die Jugendlichen haben nach den Herbstferien mit dem wöchentlichen Schauspieltraining angefangen, im Januar und Februar wurden die Rollen verteilt und ab April zweimal im Monat geprobt, sagt Gschwendtner. Seit Mai sind die Kinder drei- bis viermal pro Woche auf dem Gelände und in der zweiten Pfingstferienwoche täglich; die erste war frei. In der Woche vor der Premiere sind allnachmittäglich Proben angesagt; die Kinder erhalten dafür schulfrei, erklärt Gschwendtner. Sie lernten aber auch viel, von Sozialverhalten bis zum Auftreten und Vortrag.

Wer 18 ist, kann bei den Großen mitspielen. Was nicht wenige tun. Jüngere rücken nach – eine große Herausforderung, denn die „Neuen“ brauchten etwas mehr Anleitung, wie sie ihre Rolle entwickeln, und sie müssten die Besonderheiten des Naturtheaters lernen: „Draußen braucht man ein großes Stimmvolumen und muss auch ’groß’ spielen“, sagt Steinbrich. Eine wichtige Rolle spiele das Stimmtraining. „Groß und laut sein“, ermahnt sie denn auch am Schluss gibt – das Publikum soll ja alles verstehen.

Eine Herausforderung war die Dornenhecke, die ein rosenverzierten Vorhang markiert. „Wir hatten zehn Ideen, vom Regenschirm über eine Leine quer über den Platz – wir hatten schon die Stoffmengen ausgerechnet“, sagt Steinbrich. Für Vorhang wie Kostüme gilt: alles Eigenarbeit. Froh ist sie um die vielen Helfer hinter den Kulissen: etwa Susan Geiger, ihre „persönliche Zauberfee“, und Karin Sulzberger, der sie den Wunsch nach einer Schlaufe für den Zauberstab nur zu sagen brauchte – zwei Stunden später ist sie da.