Hin und wieder 50 Pfund…

Der Tod des Vaters ist im ausgehenden 18. Jahrhundert ein auch finanzielles Problem für die Töchter. Jane Austen hat deren Ringen um ihren Platz in der Gesellschaft beschrieben, das Theater im Steinbruch feiert gelungene Premiere

320 Zuschauer waren am Samstagabend bei der gelungenen Premiere von „Sinn und Sinnlichkeit“ des Theaters im Steinbruch unter der Regie von Sybille Denker und ließen sich auf das vorviktorianische Zeitalter des ausgehenden 18. Jahrhundert im Vereinigten Königreich ein. Das Wetter stimmte, die Kulisse stimmte und das Ensemble mit seinen 21 Darstellern, die in 21 Rollen auftraten, war gut aufgelegt. Davon wurden drei Rollen doppelt besetzt, während drei Darsteller gleich mehrere Rollen spielten.

Das 1811 erschienene Buch „Sinn und Sinnlichkeit“ – der deutsche Titel ist „Verstand und Gefühl“ – ist neben „Stolz und Vorteil“ und „Mansfield Park“ eines der bekanntesten Werke von Jane Austen. Jane Austen verfasste diesen Roman unter dem Titel „Elinor und Marianne“ bereits im Alter von 20 Jahren als Briefroman. Zwei Jahre später schrieb die Tochter eines Pfarrers den Roman um und veröffentlichte ihn unter dem Titel „Sense und Sensibility“ unter dem Pseudonym „by a Lady“. Das Theater im Steinbruch wählte genauso wie die Verfilmung dieses Buches von Ang Lee aus dem Jahre 1995 den Titel „Sinn und Sinnlichkeit“, um den Stabreim beizubehalten. Diese beiden Attribute sind auf das gegensätzliche Geschwisterpaar Elinor und Marianne Dashwood bezogen. Während Marianne, gespielt durch Juliana Bachert, eher die sinnliche und impulsive Schwester ist, erscheint Elinor (Jasmin Baumgratz) eher beherrscht und kühl und aus Sicht von Marianne viel zu vernünftig.

Ausgangspunkt der Geschichte ist der Tod von Henry Dashwood. Dies ist auch die erste Szene. Ein Bett steht auf der Bühne in dem Clemens Allweyer in der Rolle des Familienvaters Henry in seiner zweiten Ehe im Sterben liegt. „Was soll nun geschehen mit unserer Zukunft, wenn er gegangen ist“, sorgen sich die beiden Schwestern. Und das zu Recht. Der Vater vererbt sein Vermögen und das Anwesen Norland Park, auf dem die Familie Dashwood lebt, nach damaligem Recht dem Sohn aus erster Ehe. John Dashwood (Gunter Hauß) und seine Frau Fanny Dashwood (Barbara Seyfarth) sind sehr erfreut, wollen vielleicht vom Erbe den mittelosen Geschwistern hin und wieder 50 Pfund geben. Besonders die egoistische und snobistische Fanny Dashwood ist auf ihr Vorteil aus und kann es gleichzeitig nicht ertragen, dass ihr Bruder Edward Ferrars (Lucas Meier) mit Elinor Dashwood anbändelt. Während John und Fanny Dashwood auf dem Gut Norland bleiben können, muss Mrs. Dashwood (Doris Watzka) mit ihren beiden Töchtern Elinor und Marianne in ein kleines Cottage nach Devonshire ziehen. Das Cottage gehört Sir John Middelton (Lutz Kunkol), einem Verwandten von Mrs. Dashwood. Elinor ist über den Umzug nicht sehr erfreut, da sie auch die Verbindung zu Edward Ferrars verlieren würde. Doch später hört sie, dass ihr Geliebter bereits verlobt ist. Marianne dagegen hat wenig gegen den Umzug einzuwenden und lernt auch bald den charmanten John Willoughby (Lorenz Allweyer) kennen, wenn da nicht der schweigsame, steril wirkende Colonel Brandon wäre, der ebenfalls ein Auge auf Marianne geworfen hat. Es kommt auch zu einem Fechtduell zwischen den beiden Kontrahenten Willoughby und Brandon.

Das Theaterstück lebt von seinen guten und zugespitzten Dialogen, die einen Einblick in den englischen Adel des ausgehenden 18. Jahrhundert geben. Mit Charakteren, die intrigant und egoistisch sind und für die Geld und Ansehen wichtiger sind als Liebe oder offen und emotional sind, bei denen gelegentlich die Gefühle den Verstand besiegt oder starke Gefühle haben, die aber der Vernunft untergeordnet sind. All dieses bietet das Stück mit einer großen Portion Humor. Dafür gab es von den Zuschauern den verdienten Applaus. Weitere Aufführungen im Juni um jeweils 19.30 Uhr am 24. und 30. Juni im Theater im Steinbruch.