Das Stichwort heißt Emil

Pfingstferien, Public Viewing? Nein, beim Theater im Steinbruch ist Probenarbeit angesagt / Kinderstück hat am 29. Juni Premiere.

Der Regisseur hat’s nicht einfach in diesen Tagen. Zumindest dann nicht, wenn er seine Laientruppe bei Laune halten will. Nicht dass die jungen Darsteller des Kinderstücks „Emil und die Detektive“ nicht begeistert bei der Sache wären. Aber es sind Schulferien, der Bus fährt oder die deutsche Nationalelf kickt und das gemeinsame Fußballgucken auf dem Schlossplatz lockt. Da muss schon mal die Tanzprobe verlegt werden und die „normale“ Probe wird mit einem Speed abgespult, der zwar zu dem temporeichen Kinderklassiker passt, aber eigentlich nur auf der Bühne erreicht werden soll.

Aber so ist das halt bei Laienspielern, die noch viele andere Interessen haben. „Mir sind ein paar Kinder aufs Dach gestiegen“, schmunzelt Benedikt Bachert (23), der einen Kompromiss geschlossen hat: 20 Minuten Verspätung zum Fußballgucken sind akzeptiert, dafür findet die Tanzerei am nächsten Tag statt. Es ist nicht das einzige Terminproblem, das er lösen muss. Dass es zwei „Emils“ gibt, ist Schulaustausch, -ausflug oder Landschulheimaufenthalt geschuldet. „Zum Glück sind nie beide auf einmal weg,“ sagt der Regisseur. Dafür andere; Helena Huber spielt in allen Rollen, deren Normalbesetzung mal ausfällt. „Das ist gut, wenn man weiß, dass jemand für einen einspringen kann“, findet Amelie Wegner, der Helena während ihres Landschulheim-Aufenthalts die Rolle von Emils Großmutter abnehmen wird. „Wir können es proben.“

Proben. Ja, das steht jetzt fast täglich an. Die Herausforderung ist groß: Benedikt Bachert hat Erich Kästners Sprache beibehalten; die jungen Spieler im Alter von acht bis 21 Jahren finden es manchmal komisch. Alina Sandner kämpft mit dem Wortungetüm „Kolonialwarenhändler“ – so was gibt’s heute ja nicht mehr. Und zwei Akteure müssen „berlinern“.

Aber es ist nicht nur die andere Sprache, sondern auch die Kleidung, die nicht jede Bewegung zulässt: Die Jungs tragen Knickerbocker mit Hosenträger, Jackett oder Karohemd und Mütze, die Mädchen sind mit Puffärmelkleidern und -blusen und luftig-bauschigen oder superschmalen Röcken herausgeputzt, als wollten sie auf eine Hochzeit gehen. Schuhe mit Ledersohlen und Absätzen statt Sneakers und all das auf dem Rasen, der hier die Welt bedeutet – das ist gewöhnungsbedürftig. Murielle Meier verdeutlicht als Erzählerin, dass die 140 Mark, die Emil geklaut werden, heute etwa 500 Euro entsprächen. Wer auf den Bahnsteig wollte, ohne zu verreisen, brauchte eine Bahnsteigkarte. Und die Bösewichte dürfen schon mal qualmen.

Alles original 20er-Jahre – aber Bachert wollte keine modernisierte Fassung, wie sie im Film ausprobiert wurde. Da gelinge es nur mit Kunstgriffen, zu erklären, warum Telefonieren schwierig sein kann – heutzutage hätte ja jedes Kind ein Handy. Trotzdem oder gerade deswegen: Der Anspruch ist hoch, weit höher, findet Bachert, als in dem fantastischen Hexenstück vom Vorjahr; eben weil das Ergebnis realistisch wirken muss.

„Text!“ rufen die jungen Amateure nicht selten. Der muss stimmen, für den Auftritt im richtigen Moment. „Das Stichwort heißt Emil!“ sagt Bachert. Der Text ist eine Sache, die Requisiten sind eine andere. Klappt es mit dem Umziehen? Hat jeder seinen Koffer? Wer ist fürs Hin- und Herräumen der Bank verantwortlich? Schließlich mus einiges passieren, um den Steinbruch mit Großstadtelementen zu versehen. Eigeninitiative ist erwünscht, beim Entwickeln von Szenen neben der Haupthandlung ebenso wie bei der Umsetzung. Lea Ade, im Stück die kesse Pony Hütchen, schlägt vor, andersrum aufs Gelände zu fahren, wenn sie einen Mitspieler transportiert: „Da geht es ein bisschen bergab – bergauf schaff’ ich das fast nicht.“ Kein Wunder, denn ihr Fahrrad ist ein uraltes Modell ohne Gangschaltung. „Das haben wir auf dem Radmarkt für zehn Euro ergattert und unser Handwerker hat es hergerichtet“, erzählt Bachert. Ja, die Technik: Das Kabel im Leierkasten – nun ja, leiert eben; und der Sound will gar nicht so klingen, als würde der Zug anhalten. Bis zur Premiere muss was anderes her, sagt Bachert zu Philipp Seidl und Mathis Allweyer, die im Technikraum über der Bühne thronen.

Das ist sie, die „Kurz-vor-der Premieren-Problematik“ – sie hat die knapp 30 Darsteller voll im Griff. „In einer Woche ist Premiere – ich weiß nicht, ob das alle wissen“, sagt Bachert. Seit März proben sie; aber was in Einzelszenen bestens klappte, wird kompliziert, wenn es am Stück gespielt werden muss. Dazu kommt, dass die Pfingstferien diesmal so spät lagen, dass es eine Urlaubssperre für die zweite Woche gab. Da macht sich eine gewisse Ferienmüdigkeit breit. Bachert kennt das schon: „Mit der Schule kommt die Energie zurück.“ Und, ganz wichtig, mit dem Publikum. Denn dafür spielen sie alle. Mit Schwung und Begeisterung.