Der süße Purpur-Blumensaft
Theater im Steinbruch feierte die Premiere des „Sommernachtstraums“
Der zweite Gong ertönt. Das Bühnenlicht erlischt. Auf der Tribüne warten 250 Besucher gebannt. Der Spot geht an. Ein Athener Palast ist zu sehen. Davor liegen umgekippte Blumenkübel, kaputte Skulpturen und ein Regenschirm. Es scheint, als habe sich gerade ein Unwetter ereignet. Musik erklingt. Die Dienstmädchen räumen flugs auf. Dann erscheinen Theseus (Roland Seidl) und Hippolyta (Christina Menner). Beide sprechen über ihre geplante Hochzeit. Noch nicht ganz klar sind die Zukunftsplanungen von Lysander (Michael Schäfer) und Hermia (Jasmin Baumgratz). Sie lieben sich zwar, doch Hermias Mutter hätte lieber Demetrius (Gunter Hauß) als künftigen Gatten. Demetrius wiederum wird von Helena (Franzi Pfundheller) geliebt.
Lysander und Hermia flüchten in den Wald. Auch Demetrius und Helena folgen. Im Wald erleben sie den Sommernachtstraum. Im Auftrag des Elfenkönigs Oberon (Clemens Allweyer) werden sie vom Waldgeschöpf Puck (Simone Bruder und Stephanie Pleuler) mit dem „süßen Purpur-Blumensaft“ benetzt. Dieser Saft ist zu vergleichen mit dem Pfeil des Amors („Was du siehst, wenn du erwachst, dich zu deinem Liebenden macht“). Eine chaotische Orgie aus Liebeswahn, Leidenschaft, Eifersucht und Hass beginnt. Ständig wird sich neu verliebt. Als der Zauber aufgehoben wird, finden alle zu ihrer wahren Liebe zurück („Liebe wird instand gesetzt“). Schließlich wird dreimal geheiratet.
Mit der Inszenierung des Shakespeare-Klassikers „Ein Sommernachtstraum“ (1596) machte das Theater im Steinbruch einen weiteren Schritt nach vorne. Im Gegensatz zum letztjährigen Sommerstück „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“, bei dem die Rollen sich zuspitzten, begeisterte die 23-köpfige-Besetzung diesmal im Kollektiv. Dies lag einerseits am Stück an sich, andererseits auch an der Interpretation der Rollen. Die zarte und leidvolle Helena, die emanzipiert energische Hermia, der „obercoole“ Lysander mit Handy, der orientierungslos tollpatschige Demetrius mit einem Navigationsgerät oder das Elfenkönigspaar Titania und Oberon mit Emo-Klamotten – allesamt wurden sie auf ihre Weise interpretiert und ergaben dennoch ein Ganzes. Auch ein Verdienst von Regisseurin Simone Allweyer.
Herausnehmen darf man den Puck. Zweifach besetzt erhöhte sich die Prägnanz dieses wunderlichen Geschöpfes. Mit „siamesischem“ Verständnis gelang es Simone Bruder und Stephanie Pleuler, gesprochene Sprache und körperlichen Ausdruck zu vereinen. Auf diese Weise brachten sie viel Bewegung und Leben ins Stück. Eine schauspielerisch großartige Leistung – im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib geschneidert.
Auf höchstem Niveau bewegte sich die Sprache. Im Vorfeld hatte Clemens Allweyer das Stück neu übersetzt. Darin hielt er an der Reimform fest. Verbunden mit teils moderner Sprache entstand so eine mitreißende Mischung aus Pathos und Wortwitz. „Den Mann erkennst du schnell, er ist getaucht in athenischen Flanell“, lautete einer der Verse. Neben dem individuellen Skript und den schauspielerischen Leistungen hat auch die Technik einen Sprung gemacht. Zum Ausdruck kam dies in den Musikeinspielungen („Dreams, sweet dreams for me“) oder in den Effekten wie beim finalen Schwarzlicht.
Bei der Premiere am Freitag floss es vor allem im ersten Durchgang. Man wurde eins mit der Aufführung. Das Steinbruch-Ambiente trug seinen Teil zur traumhaften Kulisse bei. Kritisch betrachtet werden muss die Laienschauspielgruppe, die das „Stück im Stück“ spielte. Durch die derben Akzente wurde der wunderschöne Pathos unterbrochen. Als Komödie könnte dies durchaus gewollt sein. Im zweiten Durchgang zog sich die Aufführungsszene bei der Hochzeit jedenfalls zu lange hin. Anyway: Die Zuschauer lachten herzhaft. „Sie befinden sich in einer Sackgasse – bitte wenden!“, sagte Demetrius‘ Navi-Gerät zwischenzeitlich. Für den Weg, den das Steinbruch-Theater in den letzten Jahren einschlägt, kann dies nicht gelten. Zweifelsohne ist es das beste Stück, das man bisher erleben durfte. Wer Kultur gemacht von Emmendingern erleben will, der sollte diese Vorführung besuchen. Bis zum 10. August wird das Stück gezeigt. Weiter so!