Der biedere Bürger wird zur Bestie
Bei der Premiere von Dr. Jekyll & Mr. Hyde im Theater im Steinbruch erlebten die Zuschauer einen schaurig-schönen Gruselabend.
Mr. Hyde (Michael Schäfer) ist ein schamloser Mensch. Er ist gekleidet wie ein Gentleman. Aber „er is’n perverser Sack und guter Kunde“ wie Prostituierte Molly klarstellt. Mit dunklen Augenringen, mit fieser Stimme raunt er: „Willst Du mich lieben oder hassen?“ Macht die anständige Klara Pölzl (heftiger Szenenapplaus für Stephanie Pleuler) sturzbetrunken, sodass die sich in der Bettenabteilung von Marks & Spencer schlafen legen wollte. Und noch vom bösen Wolf faselt „wegen dem sei kein Eierlikör für die Großmutter mehr da“.
Er verprügelt und murkst den Zuhälter ab und kauft einem angesehenen Bürger für fünf Pfund die Ehre ab. Als er sich Dr. Jekylls ganz und gar bemächtigt und ihm sein Elixier nicht mehr in dessen bürgerliche Existenz zurück hilft, erhängt er sich in einer Irrenanstalt. Aber das türkise Tröpfchen lässt ihm und dem 21-köpfigen Ensemble noch Zeit, um das gesamte Publikum mit viktorianischen Moralismen zu unterhalten. Ein köstliches Schlachtfeld fanden alle und das Premierenpublikum im Theater im Steinbruch applaudierte begeistert.
Neben ihm kommt Dr. Jekyll (Jan Bayer) etwas zu kurz. Gut so, denn er ist ebenso langweilig als angestaubter Gelehrter wie als zerstreuter Verlobter für die überspannte Gwendolyn Lanyon in Gestalt von Simone Bruder. Immer wieder fährt Jekylls Dämon, Stevensons vorausgeahnter Genforscher, nach alchimistischem Experimentiereifer in den unliebsamen Doppelgänger, in dem sich die bösen und daher abgespaltenen Persönlichkeitsanteile verkörpern. Durch Licht, Raum und Musik dargestellt: brüllend, donnernd, quietschend. Und erlebt sich als Mr. Hyde, der gewaltsam das Gute in jene Taten umsetzt, die der selbstkontrollierte Jekyll nie begehen würde.
So kann er sein Fassadendasein mit Anstand fristen, denn das schlechte Gewissen nimmt ihm ja Mr. Hyde ab, bei dem die sadomasochistischen Funken sprühen, wenn er die Prostituierten aus dem „Red Parrot“ zwischen Korsagen und Strapsen mit Hingabe quält. Hier werden jene Lüste ausgetobt, die sein besseres Ich nicht einmal zu ahnen wagte.
Was sich zwischen diesen Kokotten und dem verzweifelten Triebtäter abspielt, steigert sich zu einem der Höhepunkte des schaurig-schönen Grusel-Abends. Wie sich ein biederer Bürger nicht nur in eine blutrünstige Bestie verwandelt, sondern beide Identitäten auch säuberlich voneinander trennt, davon hatte der englische Schriftsteller Robert Louis Stevenson im Jahre 1886 in seinem Besteller berichtet.
Für das ehrbare Fräulein Diana Lanyon (Jasmin Baumgratz) endet die Liebe zu Hyde im Rollstuhl, denn das Böse siegt. „Mein Unterbewusstsein scheint Hydes Verbündeter zu sein. Ich brauche kaum noch Tinktur, wenn ich mich in ihn verwandeln will, aber eine große Menge, um wieder Dr. Jekyll zu werden. Meine Verwandlung in Hyde ohne Tinktur steht unmittelbar bevor. Ich muss das Experiment beenden“ ist seine zu spät kommende Erkenntnis.
Immer wieder, überraschend und aus allen Richtungen, tauchen Mitglieder (entzückend das Blumenmädchen) des Ensembles während des Stückes auf. Spielfreudige Amateur-Schauspieler, ein gelungenes, mit viel Humor geschriebenes Skript (Clemens Allweyer), eine ideen-sprühende Regie (Simone Allweyer) und aufwendige Kostüme aus der viktorianischen Ära machen den Theaterabend in dieser herrlichen Freiluftkulisse zu einem großartigen Erlebnis.