Der Hofstaat ging nicht baden
Obwohl der Sonnenkönig zeitweise im Regen stand und ein Gewitterschauer zu einer 15-minütigen Spielunterbrechung zwang, gelang die Premiere des Stücks „Der Mann in der eisernen Maske“, einem Mantel- und Degendrama im Frankreich des 17. Jahrhunderts, einfach glanzvoll. Was das Ensemble des Theater im Steinbruch trotz aller Widrigkeiten vollbrachte, grenzt an körperlichen und geistigen Leistungssport.
Leidensfähigkeit und Ausdauer waren genauso gefragt wie Akrobatik, hohe Schauspielkunst und perfekte Tanzdarbietungen. Klitschnass im edlen historischen Kleid als Königinmutter von Spanien (Beate Arnold) die Contenance zu bewahren oder den Säbel auf glattem Bühnenboden noch perfekt zu beherrschen, ohne den Gegner zu verletzten, das verdient stehenden Beifall. Ein Lob auch an die Helfer, die nach dem heftigen Gewitterregen den Bühnenboden vom Wasser befreiten, sonst wäre an diesem Abend der Hofstaat baden gegangen und die Besucher enttäuscht nach Hause.
Das 17. Jahrhundert ist zwar lange Geschichte, die kleinen oder großen Rochaden um Macht, Geld und Liebe bleiben allgegenwärtig. Eine Gegebenheit, welche sich die Emmendinger Kulturpreisträger Simone Allweyer und Clemens Allweyer zunutze machten. Alleine schon das pompöse Bühnenbild verhieß ein besonders anspruchsvolles Theatererlebnis. Die Handlung, die Clemens Allweyer in das Mantel- und Degenstück hineininterpretiert verpackte, erfordert eine gute Portion Aufmerksamkeit. Allweyer vermag es vorzüglich, ein Stück sehr vorsichtig mit Anflügen sanfter Ironie zu würzen. Gleich zu Beginn hält sich der schwächende Jesuitengeneral (Gerhard Oswald) nur mit einem Mittelchen des Quacksalbers Doktor Fuentes aus Madrid auf den Beinen, später wird dann sein Nachfolger (Clemens Allweyer) zum Kardinal ernannt und in das „Haifischbecken von Rom“ entlassen. Gunter Hauß hätte auch in Wirklichkeit den Sonnenkönig Louis XIV. in seiner Zeit übernehmen können. Diese Rolle war ihm auf den Leib geschneidert. Bewegungen, Mimik und Tonfall, dann die Rolle als feuriger Liebhaber – er füllte sie alle bravourös aus.
Alte Männerfreundschaften halten meist länger als wilde Liebschaften. Die drei einstigen Musketiere Aramis (Clemens Allweyer), Porthos (Harald Hornung) und der alte Haudegen Athos (Christian Fuhrmann) kamen in die Jahre und waren plötzlich im Begriff, ein Stück Welt- und Kirchengeschichte mit zu schreiben. Die Mühen und Ausdauer unzähliger Proben unter der Federführung von Simone Allweyer seit vergangenem November haben sich ausgezahlt. Kaum ein Worthänger war zu bemerken, lediglich eine etwas kräftigere Stimme bei den Hofdamen hätte die Dialoge verständlicher gemacht.
Juliana Bachert als Louise de la Valerie war in doppeltem Sinne reizvoll, während Jasmin Baumgratz als Herzogin von Chevreuse schicksalhaft die Fäden spann und mit den Waffen einer Frau die Männer zu Marionetten werden ließ. Beeindruckende, geradezu umwerfende Fechtszenen und ein anmutig getanztes Menuett ließen kurzzeitig vergessen, im Zeitalter der Schnelllebigkeit zu sein. Gewissenskonflikte und Zwiespalt zu verkörpern, wie es der Kommandant der königlichen Leibwache D’Artagnan zu durchleben hat, bewältigte Michael Schäfer ergreifend. Ob bei diesem höchst sehenswerten Geschichtskrimi letztendlich die Probleme mit dem Säbel oder im Schlafgemach bei Hofe gelöst werden, wird nicht verraten. Sollte aber unbedingt jeder wissen – hingehen!