Die Puszta am Steinbruch
Ihr Augenaufschlag ist keck, sie lacht gerne und hat Paprika im Blut. Dieses ungarische Mädchen Piroschka (Juliana Bachert) und ihre natürliche Schönheit gefallen sofort. Da tut sich der etwas unbeholfene, penible Student Andreas (Gunter Hauß) aus dem Deutschland der Zwanziger Jahre schon schwerer. Er ist Besserwisser in Knickerbockern und doch der Dümmere.
Ein Spiegel, in den wir nicht so gerne sehen. Da gewinnt das breite Grinsen von Sándor deutlich schneller. Eigentlich macht er vom Postboten, Signalsteller, Aufpasser, Tänzer, Gulaschverteiler alles, aber nichts für dauernd. Mit seiner liebenswerten Schlitzohrigkeit gehört er jedoch unbedingt zur Dorfgemeinschaft von Hódmezövásárhelykutasipuszta.
Bereits bei ihren Hauptdarstellern macht sich das feine Händchen von Regisseurin Simone Allweyer bei der Besetzung der Komödie „Piroschka“ im Theater im Steinbruch bemerkbar. Die Geschichte des Austauschstudenten, der den Sommer in einem ungarischen Dorf verbringt, und der hübschen Tochter des Bahnhofvorstehers ist seit der Verfilmung mit Liselotte Pulver als Piroschka beliebt.
Simone Allweyer ließ sich von diesem Filmerfolg in ihrer ersten Regiearbeit mit Erwachsenen nicht besonders beeindrucken, sondern fand ihre eigene Version, die ihr äußerst kurzweilig und amüsant gelang. Die Bühne ist mit Bahnwärterhäuschen, Wartebank am imaginären Bahnhof, Festplatz, Windmühle, Doktorhaus und der Pension am Balaton im zweiten Teil klar strukturiert. Der Steinbruch wird mit einbezogen. Einige (Plastik)-Gänse schauen durch den Gartenzaun und zeigen die liebevolle Detailarbeit beim Bühnenbild. Die Zuschauer fühlen sich mitten in der Puszta oder in einem „Kaff“, wie es der Herr Student empfindet. „Muss gerast sein wie Deifel, hat nur sieben Minuten Verspätung“, wundert sich da der Bahnhofsvorsteher Istvan Rácz (Clemens Allweyer) über einen fast pünktlichen Zug und erntet Lacher.
Der Wortwitz mit dem unkorrekten Deutsch sorgt während der ganzen Aufführung für Heiterkeit. So, als Andi den Fotoapparat einstellt, um ein Bild von Piroschka und ihrer Nebenbuhlerin Greta (Simone Bruder) zu machen: „Jetzt mocht er uns scharf“ oder die Milchstraße am Himmel zur Straßemilch wird. Die Hochzeit mit feurigem Czárdás, den schwingenden Röcken der Frauen, den hohen Lederstiefeln, Schnauzbart und weiten Hemdsärmeln der Männer machte aus dem Steinbruch optisch die Puszta.
Auch das Lied der Juiska aus der Operette „Maske in Blau“ mit Jasmin Baumgratz war eine weitere, sehr stilechte Erweiterung des Originalstoffes und schuf ungarisches Leben in die Aufführung. Die Arbeit beim Maiskolbensortieren wird mit froher Musik (Igor Murye), einem Schluck Wein und in der Dorfgemeinschaft gleich viel angenehmer. Es wird gerne gelacht und jeder darf so sein wie er ist. Mit einer gewissen Lässigkeit wird über so manches hinweggesehen, es sei denn, es geht um das Setzen des Signals für die Züge. Obwohl, das macht nicht nur Istvan, sondern auch sein „Ehegatte“ Margit (Beate Arnold), Piroschka oder Sándor. Und dann gibt es noch das Hausmädchen, das vom Studenten immer erschreckt wird, Greta, die sich der vielen Hände von Andreas erwehrt, den Pfarrer, der alle umarmt und küsst, die resolute Bahnhofsvorsteherfrau, die für die richtige Dienstkappe ihres Mannes sorgt. Oder die Hachberger Herolde, welche die Premiere klangvoll eröffneten.
Für alle, denen der ungarische Dorfname Hódmezövásárhelykutasipuszta zu kompliziert ist, die deutsche Übersetzung: Biberfeldmarktplatzbrunnenheide.