Und der Papst schält die Kartoffeln
Szenenapplaus, spontanes Gelächter und ein rundum zufriedenes Premierenpublikum: Das Theater im Steinbruch hat mit der Komödie „Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ einen Volltreffer gelandet. Das witzige, turbulente und zugleich anspruchsvolle Stück, hervorragend gespielt von einem Laienensemble auf sehr hohem Niveau, riss die Besucher am Freitagabend in der Festhalle des Zentrums für Psychiatrie zu wahren Beifallsstürmen hin. Und ruft so ganz nebenbei zu Menschlichkeit und Frieden auf.
Dabei beginnt die wohl bekannteste Komödie von Joao Bethencourt höchst unfriedlich und auch im weiteren Verlauf gehören turbulente, bewaffnete Szenen dazu. Der jüdische Taxifahrer Sam bringt den Papst mit vorgehaltener Pistole in sein Haus. Schon da zeigt sich eine große Stärke des Teams unter Regie von Gunter Hauß: Mimik und Gesten passen perfekt.
Gottfried Groener steht als Papst Albert IV. (fast) immer ein bisschen über den Dingen, strahlt gekonnt Ruhe, Gelassenheit und Freundlichkeit aus. Ganz anders sein aufgeregter Kidnapper. Christian Fuhrmann fuchtelt nervös mit der (ungeladenen) Waffe herum, vermittelt eine schöne Mischung aus Angst, Zielstrebigkeit und Stolz – und ein klein bisschen Verrücktheit.
Großartig spielt Simone Allweyer, sie lebt Sams Frau Sarah förmlich. Man kann ihr die Nachrichten fast vom Gesicht ablesen, ihre Sorgen um die Familie. Ebenso gekonnt gibt sie die sorgsame Hausfrau und arrangiert sich mit der ungewohnten Lage: Sie begrüßt den Papst wie einen Gast auf der Dinnerparty – und der geht nicht nur darauf ein, sondern beginnt sich in der Familie schnell wohlzufühlen. Schließlich schält er sogar die Kartoffeln. Der Kontrast zwischen der liebenswert-chaotischen häuslichen Atmosphäre und der dramatischen Handlung macht einen Reiz des Stückes aus.
Dazu gehören die Kinder Miriam und Irving, überzeugend gespielt von Benedikt und Juliana Bachert, die auch im Leben ein Geschwisterpaar sind und im Stück gekonnt zwischen Coolness und Begeisterungsfähigkeit schwanken. Benedikt Bachert wirbelt als „Kollaborateur“ seines Vaters über die Bühne, Schwester Juliana hält alle auf dem Laufenden.
In die ganz normalen alltäglichen Familienreibereien platzt schließlich noch der Rabbi – Michael Schäfer gibt ihn mit leichtem Jiddisch und ungemein scharfsinnig. In bester Sherlock-Holmes-Manier kommt er Sam auf die Spur. Da helfen keine Ablenkungsmanöver, sondern nur ein deftiger Rausschmiss – Sam alias Christian Fuhrmann in Höchstform. Wieder vereint er in sich Widersprüche: Er fordert einen Friedenstag statt Lösegeld – und verteidigt sein Haus mit Dynamit…
Die Zuschauer fiebern mit: Wie löst sich der Knoten? Denn bald marschieren Polizei und Armee vor dem Haus der Familie Leibowitz auf, um den Papst zu befreien. All dies erfährt das Publikum ebenso wie die Nachrichtenlage aus dem Off (Sprecher Clemens Hohler, Clemens Allweyer, Gunter Hauß). Den Hardliner Kardinal O’Hara (Harald Hornung) erlebt es dagegen stilecht auf der Bühne.
Fazit: Unbedingt anschauen! Sonst geht’s einem wie Oberbürgermeister Schlatterer und den Bundestagsabgeordneten, die Theater-Vorsitzender Hans-Joachim Wipfler entschuldigte, weil sie beim Neujahrsempfang mit dem Ministerpräsidenten in Freiburg seien. Man müsse das verstehen, meinte er. Das Publikum war anderer Meinung… Aber es gibt ja noch weitere Aufführungen!