In Emmendingen wird Wedekinds „Frühlings Erwachen“ inszeniert – mit den Charakteren als Erwachsene
Regisseurin Andrea Gerhold will über den originalen Text hinausgehen. Deshalb haben die Beteiligten ihre Rollen als Erwachsene weiterentwickelt. Das Stück behandelt belastende Themen.
„Frühlings Erwachen“, das Winterstück des Theaters im Steinbruch, geht über das Original hinaus: Die Inszenierung von Andrea Gerhold beleuchtet das mögliche Erwachsenenleben der acht Hauptpersonen und eine Retrospektive aus Erwachsenensicht. Das wurde gemeinsam erarbeitet.
„Das Stück steht schon lange auf meiner To-do-Liste“, sagt Regisseurin Andrea Gerhold. Sie wollte einmal ganz anders herangehen, denn Wedekinds Text von 1891 mache heutzutage manches nicht so ganz klar. Die Rollen der Jugendlichen werden von Erwachsenen gespielt, die im Laufe des Stücks mithilfe von Kostümen und kleinen Requisiten wieder in jugendliche Körper schlüpfen. Es geht auch um die Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden unter repressiven Bedingungen. Die äußere Verwandlung ist das eine. Die innere sei nicht nur inszenatorisch eine Herausforderung: „Alle knabbern dran, die Leichtigkeit und Naivität der Jugend herauszuarbeiten“, sagt Gerhold.
Die Geschichten handeln außerdem vom Scheitern, von Gewalttaten: „Das geht an die Grenze der Spielenden.“ Bei der Beerdigungsszene etwa seien in den Proben Tränen geflossen. Niemand werde deswegen schräg angeschaut: „Diese Akzeptanz, dieses Vertrauen habe ich so noch nicht erlebt.“ Diese Zusammenarbeit sei ein großes Geschenk. Es habe unfassbar viel Spaß gemacht und dazu geführt, dass sich die Spielenden auch privat auf anderer Ebene begegneten.
„Ich wollte nichts draufstülpen“, sagt Gerhold zur Erarbeitungsphase, die rund 30 Prozent des Textes betraf. Jeder bekam ein Schulheft, in dem er alles notieren, seinen Text selbst mitgestalten konnte und sollte. Das Ergebnis ging dann noch ein paarmal hin und her – selbst jetzt sei der Schluss noch offen. Fest steht, dass auch die jungen Menschen, die im Stück sterben, als Erwachsene auf der Bühne stehen werden. „Franziska Bosch hat Wendlas Leben weiterentwickelt, wenn sie nicht gestorben wäre. Und Benedikt Bachert als Moritz ist nach seinem Selbstmord nicht weiter erwachsen geworden, sondern als ‚Geist‘ unter uns“, erklärt Gerhold.