Die Geldhexe und der Laborzauberer

Immer wieder Szenenapplaus, Mitklatschen bei den verrückten Tänzen auf der Bühne – die Premiere des „Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunschs“ des Theaters im Steinbruch reißt das Publikum mit. Völlig zu Recht.

Unter der Regie von Simone Allweyer ist es eine rundum gelungene Aufführung geworden. Im Theatersaal der Cinemaja an der Steinstraße duftet es nach Popcorn, doch auf der Bühne herrscht Dezember- oder vielmehr Silvesterfieber. Der geheime Zauberrat Beelzebub Irrwitzer (Franziska Bosch) hat nämlich sein Soll an üblen Taten für das zu Ende gehende Jahr nicht erfüllt. Das macht ihm Kummer: Richtig panisch reagiert Franziska Bosch auf den Besuch von Maledictus Made (Barbara Seyfarth), dem fies-höllischen Gerichtsvollzieher, da könnte man direkt Mitleid kriegen. Dass Beelzebub die Jahre vorher mehr als nötig getan hat – vergiss es! Dass er unter erschwerten Bedingungen arbeitet, weil er einen Spion im Haus hat? Egal: Wenn er bis Mitternacht nicht liefert, wird er gepfändet.

Beelzebubs Tante Tyrannja (ein ebenso böswilliger und intriganter wie schön affektierter Etienne Pfundheller) hat die gleichen Probleme mit ihrem Soll an Schandtaten, und so tun sich die Geldhexe und der Laborzauberer erneut zusammen: „Dann wird’s finster auf der Welt“. Denn beider Aufgaben bedeuten nichts Gutes für Mensch und Tier. Weshalb der Rat der Tiere beiden je einen Spion auf den Hals gehetzt hat. Beelzebub hat den seinen erfolgreich eingewickelt, gut gefüttert und ruhig gestellt – Laura Hösl gibt ganz den lieben Kater, der seinen Meister verehrt. Zu Anfang jedenfalls. Aber Tyrannjas Aufpasser, der Raben Jakob Krakel, öffnet dem naiv-vertrauensvollen Kater die Augen: Michel Köllermann spielt sehr lebendig und gekonnt wechselnd zwischen Frechheit und Resignation, man würde ihm seine Ausreden glatt abnehmen. Herrlich, wie sich die beiden Tiere erst anfeinden, dann anfreunden und anfeuern, mal ist der eine der Angsthase, mal der andere.

Ganz offen sind sie ja nicht, aber sie wollen die Welt retten. Auf dem Kirchturm schrecken sie den Heiligen Silvester auf (Barbara Seyfarth), der in seiner eigenen Welt lebt und sich nur mühsam davon überzeugen lässt, ihnen ganz gegen alle Regeln zu helfen. Aber er tut’s und verleiht ihnen Schallgeschwindigkeit, damit sie rechtzeitig vor Mitternacht zurück sind. Nur dann können sie den Wunschpunsch „umdrehen“. Das wird richtig dramatisch!

Denn Beelzebub und seine Tante haben sich zusammengerauft. Gemeinsam mixen sie den Wunschpunsch, sie singen voller (Vor)-freude nach den Klängen der Ode an die Freude ihren CO2-Song von Unsinn, Wahn- und Widersinn – einfach klasse. Mit Hilfe von LSD begeben sie sich in die vierte Dimension, um die letzten Anweisungen zu verstehen. Und dann geht’s los: Alle guten Wünsche, die sie aussprechen, verkehrt der Wunschpunsch ins Gegenteil – glauben die Beiden jedenfalls und wollen sich schier ausschütten vor hässlich-höhnisch-höllischen Gelächter.

Und weil jeder Wunsch ein geleertes Glas voraussetzt, torkeln sie bald schon über die Bühne; immer mühsamer wird ihre Aussprache. Etienne Pfundheller balanciert geschickt auf zierlichen Absätzen, Franziska Bosch funkelt das Publikum mit ihren verschiedenfarbenen Augen an – sie hatte die Idee mit gefärbten Kontaktlinsen. Die Mimik ist bei allen absolut sehenswert; nur die Zaubergehilfen (Emma Muser, Clemens Allweyer) treten völlig vermummt auf, dafür stocksteif und unheimlich. Dazu die gruseligen Ton- und Lichteffekte – eine schön böse Zauberwelt!

Schließlich wünschen Professor und Hexe dem zerrupften Raben Gesundheit und dem Kater Ruhm und Künstlerglück, was dessen kreischende Katzenmusik operettenreif verwandelt. Wie er da strahlt! Einander wünschen die Bösewichte Schlimmes: Jugend und Güte, sie wollen ein neues Leben anfangen. Dafür kommen Emma Muser und Jonathan Wied als junge Ausgaben der Beiden auf die Bühne. Da stimmt doch was nicht? Aber als sie das kapieren, ist es zu spät: Sie bringen keine Wünsche mehr heraus. Stattdessen schlägt’s Mitternacht, ein zufrieden seine Lippen leckender Maledictus Made bringt die Pfändungssiegel an und ruft die Seelenpacker zum Aufräumen.

Den Riesenapplaus für alle vor und hinter den Kulissen spendet das Publikum stehend. Ein toller Auftakt zu 100 Jahre Amateurtheatergeschichte in Emmendingen und für die nächsten 100 Jahre, wie Justin Wilper sagte. Im Sommer gibt’s „Don Camillo und Peppone“ und „Kleiner König Kalle Wirsch“.