Presse

Fast schon ein Zweitberuf

Das Theater am Steinbruch blickt auf eine außergewöhnlich gute Sommersaison zurĂŒck und plant ein WeihnachtsstĂŒck – draußen!

Das gab’s noch nie: Das Theater im Steinbruch plant fĂŒr das zweite und dritte Dezemberwochenende je zwei AuffĂŒhrungen von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte – im Steinbruch! Auch die Sommersaison 2018 lief einmalig: 9300 Karten und damit rund 1000 mehr als im Vorjahr wurden in den sieben Wochen Spielzeit verkauft, so die erste Bilanz.

„Das Wetter hat uns natĂŒrlich in die Karten gespielt, wir waren recht frĂŒh ĂŒber das Ticketsystem ausverkauft“, sagt Vorsitzender Hans-Joachim Wipfler. Aber das war’s nicht allein: „Die StĂŒcke haben den Leuten was gesagt, das Erwachsenen- vielleicht noch mehr als das KinderstĂŒck“, ergĂ€nzt seine Stellvertreterin Jasmin Baumgratz. Vor allem „Die drei Musketiere“ haben gezogen, aber auch Timm Thaler sei angekommen. „Und wir haben viele Stammkunden.“

Das hat sich das Team hart erarbeitet. „Wir haben uns einen sehr guten Namen gemacht, sind vom guten zum Spitzen-Laientheater geworden“, sagt Wipfler. SpĂ€testens nach der Premiere setzte die Mund-zu-Mund-Propaganda ein. All das fĂŒhrte dazu, dass in den Vorverkaufsstellen bei ihm im GeschĂ€ft bald keine Karten mehr zu haben waren – und das können viele Leute nicht verstehen, berichtet er.

Das Einzugsgebiet des Theaters im Steinbruch reiche mittlerweile von der Schweizer Grenze bis nach Offenburg, vom Kaiserstuhl ĂŒber das Elztal bis St. Peter und St. MĂ€rgen. Besucher kommen aber auch ĂŒber Kontakte zu anderen BĂŒhnen, deren Mitglieder die Emmendinger besuchen und die im Gegenzug auch von Mitgliedern des Theaters im Steinbruch besucht werden. Das macht Spaß – und gibt spannende RĂŒckmeldungen zu Spiel und StĂŒcken, sagen die beiden.

Der Andrang macht viel Arbeit. Pro Vorstellung werden an die 50 Personen benötigt – vor und hinter den Kulissen. Selbst das Team im Bewirtungspavillon hat seine eigene BĂŒhne, wie es Wipfler formuliert. Sie haben Spaß an der Sache – ohne das ginge es auch gar nicht bei 28 Vorstellungen in dieser Saison. Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag… „Am letzten Abend waren wir nach dem AufrĂ€umen froh, dass alles fertig ist“, sagt Wipfler und fĂŒgt hinzu: „Die Schauspieler wĂŒrden gern weiterspielen.“

Und das werden sie – am zweiten und dritten Adventswochenende. Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte auf der FreilichtbĂŒhne in Emmendingen – das gab’s noch nie. Wipfler hatte das Projekt zum Saisonende angekĂŒndigt – und hĂ€tte „gefĂŒhlt gleich 50 Karten verkaufen können“. Klar, das Wetter sollte mitspielen – es darf gern klirrend kalt sein, aber nicht zu nass – aber der Park bietet so viele Möglichkeiten, mehr als nur GlĂŒhweinverkauf. Und gegen KĂ€lte gibt’s schließlich Decken und warme Klamotten. Die StĂŒckidee geistere schon lĂ€nger durch den Verein, sagt Baumgartz; Gunter Hauß und Benedikt Bachert haben schon mal mit dem Gedanken gespielt. Und in diesem Jahr passt das Sommer-BĂŒhnenbild perfekt, „wir haben alles, was wir brauchen.“ Ein bisschen ist die Idee auch der Raumnot geschuldet: Wo spielen und, noch schwieriger, weil so oft, proben? ergĂ€nzt Wipfler. Und der Steinbruch im Winter – das sei eine völlig andere BĂŒhne.

Andere Vereine klagen darĂŒber, dass ihnen die Helfer ausgehen. Beim Theater im Steinbruch ist das anders, beim ersten Aufruf meldeten sich gleich mehr Schauspieler als benötigt, aus beiden Ensembles – denn fĂŒr die Weihnachtsgeschichte werden alte wie junge Menschen gebraucht. „Das verbindet beide Ensembles“, freut sich Baumgratz.

Trotzdem – wie hĂ€lt man sie bei der Stange? „Vorbild sein, da sein, mitmachen“, sagt Wipfler. Und auch mal Danke sagen: An die Regie und die Ensembles, die stunden- und tagelang geprobt haben; an die vielen Helfer: „Der Aufwand hintendran wird oft gar nicht gesehen – und ist fast grenzwertig, fast ein Zweitberuf.“ Der dann mit den SommerstĂŒcken 2019 weitergeht. Mit welchen? Das wissen die beiden an der Spitze noch nicht, der Spielbeirat wird das nach den Sommerferien beraten und entscheiden. „Wir sind ein sehr demokratischer Verein“, sagt Wipfler. „Deswegen findet jeder bei uns seinen Platz, etwas, das ihm Spaß macht“, ergĂ€nzt Baumgratz, „vielleicht ist das der SchlĂŒssel zur Motivation.“

Der zu funktionieren scheint: Das Theater im Steinbruch hat mehr als 400 Mitglieder. Und wer mal beruflich oder familiĂ€r pausieren mĂŒsse, komme danach meist wieder.

Badische Zeitung, 09.08.2018

Vom Strahlemann zum Sauertopf

Das Theater im Steinbruch feierte am Sonntag die Premiere des KinderstĂŒcks „Timm Thaler“

Im Theater im Steinbruch fand am Sonntag die Premiere des diesjĂ€hrigen KinderstĂŒcks statt. Unter der Regie von Simone Allweyer inszenierten 26 Kinder und Jugendliche zwei Stunden lang den Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ von James KrĂŒss.

Das 1962 erschienene Werk erzĂ€hlt die Geschichte des armen Waisenjungen Timm Thaler, der dem reichen Schiffsreeder Baron Lefuet per Vertrag sein Lachen verkauft. DafĂŒr erhĂ€lt er die FĂ€higkeit, jede Wette zu gewinnen. Seine EinsĂ€tze auf der Pferderennbahn bringen ihm zunĂ€chst großen Reichtum. Doch freuen kann er sich darĂŒber nicht. Immer mehr sondert er sich ab. Langsam dĂ€mmert ich, dass Lebensfreude wichtiger ist als Geld. Doch wie kommt Timm Thaler aus dieser Nummer wieder raus?

Im diesjĂ€hrigen KinderstĂŒck widmet sich das Theater im Steinbruch dem Faust-Motiv auf kindgerechte Weise. Timm Thaler erliegt den Versuchungen von Baron Lefuet (rĂŒckwĂ€rts: Teufel) und tauscht seine juvenile Lebensfreude gegen materielle Lust. In Zeiten von Kapitalismus, Digitalsucht und Entfremdung von der Natur ist dieses Thema aktueller denn je. Durch die Auswahl des StĂŒcks von James KrĂŒss konfrontiert das Freilichttheater junge Menschen mit wichtigen Fragen.

Die starke Inszenierung verstĂ€rkt die Botschaft zusĂ€tzlich. Am Sonntag bewiesen die 26 jungen Akteure zum einen eine erstaunliche schauspielerische Reife. Gemeinsam fĂŒllten sie insgesamt 56 Rollen aus. Es gab nicht einen HĂ€nger, im Gegenteil: Ausdrucksstark verliehen die Kinder und Jugendlichen dem StĂŒck ihr Profil. Cornelis Huber alias Timm Thaler vollzog schleichend aber spĂŒrbar die Metamorphose vom Strahlemann zum Sauertopf („Magst du nicht oder kannst du nicht?“). Pascal Jessen (Baron Lefuet) spielte bedrohlich den Teufel. Nicolai Jessen fĂŒhrte als handysĂŒchtiger Hiphop-Proll (Erwin) die Teenie-Gang an und rappte sich in die Herzen des Publikums („Reich wie ein Scheich“).

Zum anderen webte Regisseurin Simone Allweyer kleine wirkungsvolle Details ein. Die schick gekleidete, aber pseudo-höfische Gesellschaft auf der Galopprennbahn stand fĂŒr die lĂ€ngst schon dem Mammon verfallene Erwachsenenwelt. Nicht ganz so verdorben schien die Teenie-Gang mit ihren St. Pauli-Shirts. Hier ist noch nicht alles verloren. Frau Kreschimir (Luisa NĂŒbling), die die Machenschaften von Lefuet durchschaut, trĂ€gt jungfrĂ€uliche Hippiekleider. Vertrauen und Ehrbarkeit strahlten die SeemĂ€nner durch ihren norddeutschen Akzent aus. Emotional waren zudem die Monologe Thalers vor dem Grab seines Vaters. Hier tauchte der Protagonist immer wieder unter die OberflĂ€che. Ebenfalls interessant: das clowneske StĂŒck im StĂŒck, das die Handlung und Moral in eine Nussschale packte.

Das Wetter am Sonntag war herrlich warm. Von den nahezu voll besetzten RĂ€ngen regnete nach dem StĂŒck ein wohltuender Beifall auf die jungen Akteure nieder. Timm Thaler – ein Werk, das sich nicht nur fĂŒr Kinder, sondern auch fĂŒr Erwachsene lohnt. Aufgrund der aufgeworfenen Fragen hallt es lange nach.

Emmendinger Tor, 27.06.2018

Dem Teufel das Lachen entrissen

Timm Thaler: In atemberaubendem Tempo schaffen es 26 junge Schauspieler, den Figuren ein beeindruckendes Profil zu verleihen.

Der 1962 erschienene Buchklassiker „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ von James KrĂŒss ist auch heute noch Kindern wohlbekannt. Die Inszenierung am Theater im Steinbruch besorgte die begnadete Regisseurin Simone Allweyer. Am Sonntag war die UrauffĂŒhrung mit einem Ă€ußerst spielfreudigen Team von jungen Schauspielern, die ihre Figuren gekonnt zum Leben erwecken. Fazit: Wo man mit seinen Freunden lachen kann, hat der Teufel seine Macht verloren.

Wer trĂ€umt nicht davon Geld zu haben, soviel man will ? Das kann einen schon als sehnlichsten Wunsch verfolgen, wenn man in einem Alter ist, von dem Erwachsene annehmen, man könne sich vor kindlicher Sorglosigkeit kaum fassen. Timm Thaler (großartig der erst 14-jĂ€hrige Cornelis Huber) aber hat Sorgen, Geldsorgen und andere auch. Er ist Waise, nun muss Timm bei seinem verwöhnten Stiefbruder Erwin (Nicolai Jessen) und seiner Stiefmutter (Svenja Mutschler) leben. Die ist nicht einmal böse, sondern nur eine ĂŒberkandidelte Schlampe, die das Haushaltsgeld fĂŒr Kuchenorgien verschwendet. Wenn dann ein geheimnisvoller Baron namens L. Lefuet (Pascal Jessen), einem anbietet, fĂŒr die so klein erscheinende Gabe des bezaubernden Lachens ein steinreicher Mensch zu werden – da muss ein Junge wie Timm Thaler einschlagen. Und gewinnt fortan jede Wette. Doch darĂŒber, so will es der Vertrag, kann er leider nicht mehr lachen.

Diese AuffĂŒhrung hat sich inhaltlich nicht allzu weit vom Roman entfernt und versucht, mit der Geschichte Kapitalismuskritik zu verbinden. Das heißt zunĂ€chst, dass der Glanz von Grandhotel und Pferderennbahn mit den Bildern der Armut geschnitten wird, aus der Timm Thaler kommt. Zugleich wird die offen zur Schau gestellte Gier nach Reichtum gezeigt, wenn der unheimliche und dĂ€monische Baron immer auf der Jagd nach guten GeschĂ€ften um die Welt jettet. Vor allem aber betont er, deutlicher noch als KrĂŒss, dass es eben nicht damit getan ist, wenn jener Lefuet dem Jungen sein Lachen abschwatzt. Was bei Timm jungenhaft und niedlich ist, wirkt bei Lefuet sadistisch und gemein.

Das ist sehr gekonnt geschauspielert, was Intelligenz und TĂŒcke angeht: Er protzt mit allem, was er hat, er lacht am lautesten aus Schadenfreude. Man kennt solche Gestalten, man durchschaut sie, und indem Regisseurin Allweyer gerade diese Dimension so betont, erzĂ€hlt sie davon, was unsere Zeit von der Entstehungszeit des Romans unterscheidet. Besonders listig mĂŒssen sich Lefuets Gegenspieler nun nicht mehr anstellen, um dem Teufel das Lachen zu entreißen oder die hĂŒbschen Augen, die er Karoline Kreschimir (Luisa NĂŒbling) abgeschwatzt hat. Am Ende sitzt der Baron Lefuet vernichtet auf der BĂŒhne und Timms Freund Jonny (Lukas Kadlec) stellt fest: „Stinkreich, aber ein armer Teufel.“

Übrigens, diese AuffĂŒhrung löst KrĂŒss‘ Anagramm nicht auf. Die wahre IdentitĂ€t des Barons Lefuet, nĂ€mlich der Teufel persönlich zu sein, wird nur angedeutet. Wunderbar, wie heldenhaft Timm Thaler gespielt wird, der zum reichen jungen Erben avanciert ist. Er hat in Baron L. Lefuet einen aalglatten diabolischen Gegenspieler und in Jonny einen zupackenden Helfer. Das Ehepaar Rickert (Nico Brill und Lena Haye), weitere Freunde von Timm, nĂ€seln echt hanseatisch. In atemberaubendem Tempo schaffen es die 26 jungen Schauspieler, sĂ€mtliche der weiteren etwa 58 Rollen zu ĂŒbernehmen und den Figuren ein beeindruckendes Profil zu verleihen. Faszinierend ist die Wandelbarkeit des BĂŒhnenbilds.

Zauberhafte Szenen werden gezeigt. „Schwan kleb an“ ist die Puppengeschichte von der Prinzessin, die nicht lacht, und bei der der Koch, KĂŒchenjunge, KĂŒchenmagd, Wachsoldat und Zofe, Hofnarr, König und Vagabund am Ende doch die Prinzessin zum Lachen bringen. Großartig, Timms doofer Stiefbruder Erwin, der mit seiner Gang Max, Paula, Tanja, Jenny und Julchen „Reich, reich, reich wie ‘n Scheich“ rappt.

Das knapp zwei Stunden dauernde BĂŒhnenstĂŒck erzĂ€hlt eine Ă€ußerst spannende Geschichte. Die Regisseurin hat ein paar aktuelle Anmerkungen in den Text einfließen lassen, Anspielungen etwa auf den Irak, in dem des Barons geheimnisvolles Land Mesopotamien liegt, und auf die Kriegsgewinnler, die mit WaffenverkĂ€ufen ihr Unwesen treiben. Das passt gut in die heutige Welt, in der auch „Zahlen, nicht GefĂŒhle regieren“.

„Och, das war’s jetzt?“, fragt ein MĂ€dchen in die Stille nach dem großen donnernden Applaus hinein. Es konnte getröstet werden, denn es gibt ja weitere AuffĂŒhrungen.

Badische Zeitung, 26.06.2018

Umjubelte Premiere beim Theater im Steinbruch!

KinderstĂŒck „Timm Thaler“ kam beim Publikum bestens an!

„Timm Thaler hat als Waisenjunge eigentlich nicht viel zu lachen. Dennoch lacht er gerne und oft, und diesem Lachen kann niemand widerstehen, auch nicht der geheimnisvolle Baron Lefuet. Er ĂŒberredet Timm, ihm sein Lachen zu verkaufen. Im Gegenzug gewinnt Timm ab sofort jede Wette. Mit seiner neuen FĂ€higkeit wird er reich, sogar der reichste Junge der Welt. Doch bald erkennt Timm, dass ein Mensch ohne Lachen kein richtiger Mensch ist. Er macht sich deshalb auf, sein Lachen zurĂŒckzuholen. Der Baron unternimmt alles, um dies zu verhindern. Zum GlĂŒck hat Timm Freunde: den Steuermann Jonny, den Reedereidirektor Rickert und die Chefstewardess Karoline Kreschimir. Sie hecken einen dreisten Plan aus, um den Baron zu ĂŒberlisten. DafĂŒr bleibt ihnen nur wenig Zeit
“ – soweit die Vorschau des Theaters auf das diesjĂ€hrige KinderstĂŒck. Ob der Plan aufgeht und was es bei dessen Umsetzung alles zu erleben gibt, sollte man am besten selbst bei einem Besuch im Freilichttheater selbst erleben.

Das Premierenpublikum jedenfalls genoss die ĂŒber zwei Stunden in der idyllischen FreilichtbĂŒhne. Das ĂŒber 50-köpfige „Timm-Thaler-Team“ wurde jedenfalls zum Schluss frenetisch gefeiert. Theater-im Steinbruch-Vorsitzender Hans Joachim Wipfler bat nach dem lang anhaltenden Schlussapplaus fĂŒr die Schauspieler das gesamte Team hinter den Kulissen mit auf die BĂŒhne. Monatelanges Proben (in den letzten beiden Wochen sogar tĂ€glich!) wurde heute mit dem wohlverdienten Applaus fĂŒr das Gesamtpaket belohnt. Ein strahlendes Team am Ende des verkauften Lachens!
Blumen gab es dann fĂŒr Regisseurin Simone Allweyer und jeweils ein kleines Geschenk fĂŒr das sie unterstĂŒtzende Team (Regie-Assistenz Clemens Allweyer, Kathleen Blust, Silvia Gschwendtner, Silvia Jessen, Rebecca Schneider) sowie fĂŒr Technik, Bewirtung…

Sicher bedarf es nicht der Aufforderung von Vorsitzendem Wipfler, der empfahl, ĂŒberall fĂŒr den Besuch des KindertheaterstĂŒcks nach James KrĂŒss zu werben. Wer heute die beeindruckende schauspielerische Leistung mit Textsicherheit, Singen, Tanzen, Rappen erlebte, der wird gerne davon weiter erzĂ€hlen.

RegioTrends, 24.06.2018

Jemand anderes sein

26 Kinder und Jugendliche schauspielern im Theater im Steinbruch Emmendingen / Ein Probenbesuch.

„Geht los – und go! „, ruft Regisseurin Simone Allweyer. Zwei Jungs betreten die FreilichtbĂŒhne im Steinbruch in Emmendingen. In coolen dunklen Klamotten latschen sie ĂŒber den BĂŒhnenrasen. Sie suchen den Rest ihrer Bande, genauer: die MĂ€dchen. „Die mĂŒssen sich bestimmt noch aufstylen“, lĂ€stert Erwin, AnfĂŒhrer der Kinder-Gang, und verdreht genervt die Augen. Doch in Wahrheit sind sie ganz in der NĂ€he…

Im Theater im Steinbruch laufen die Proben fĂŒr das diesjĂ€hrige KinderstĂŒck „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ derzeit auf Hochtouren. Premiere ist am 24. Juni, da muss alles sitzen: Wann welche Hand auf welche Schulter gelegt wird, wer wann wohin geht und guckt 
 Aber die Stimmung ist entspannt. Die Emmendinger Truppe hat viel Erfahrung und aufgrund ihrer tollen Arbeit seit Jahren viele Fans.

Heute regnet es, die Schauspieler werden nass, doch davon lassen sie sich nicht stören. So ist das halt, wenn man unter freiem Himmel spielt. „Da mĂŒssen wir bei den AuffĂŒhrungen ja auch durch – es sei denn, es ist richtig schlimm, dann wird ganz abgebrochen“, sagt Josephine Blust (12), die die Tanja spielt, ein MĂ€dchen aus Erwins Gang. „Gegen den Regen anzureden ist eine gute Übung. Dabei lernen wir, laut und deutlich zu sprechen.“

26 Kinder und junge Leute zwischen neun und 24 Jahren sind an „Timm Thaler“ beteiligt. Ein weiterer ist Nicolai Jessen (13). Er verkörpert den Gang-AnfĂŒhrer Erwin, der gleichzeitig der Stiefbruder von Hauptfigur Timm ist. „Wir in der Gang sind alle supercool drauf, Erwin ist sogar fast schon ein bisschen assig. Die MĂ€dchen sind ziemliche Zicken – und sie alle mögen Timm nicht“, erklĂ€rt Nicolai die verschiedenen Typen in der Bande.

Wer von den Figuren wie tickt, ist natĂŒrlich teilweise vom StĂŒck vorgegeben, teilweise wird es vom Theaterteam erarbeitet. „Das machen wir jedes Jahr auf unserem HĂŒttenwochenende“, erzĂ€hlt Josephine. „Toll ist, dass wir Schauspieler auch unsere Ideen einbringen können, nicht nur die Regie.“ „Die Rollen, also die Eigenschaften der Leute und das KostĂŒm und so, werden dann bis zur Endprobe immer weiter entwickelt“, ergĂ€nzt Nicolai.

Heute hatte er zum Beispiel die Idee, seinem coolen Erwin noch eine protzige Goldhalskette zu verpassen. Regisseurin Simone Allweyer fand den Vorschlag klasse. Außerdem wurde ausprobiert, welche Sonnenbrille zu zwei Fotografen passt, die auch im StĂŒck vorkommen. Und welche Sorte Chips soll die Gang auf der BĂŒhne futtern? Die Schauspieler sind sich einig: keine Markenchips!

Josephine ist jetzt in der dritten Saison im Theater im Steinbuch dabei, Nicolai in der fĂŒnften. Was gefĂ€llt ihnen am Theaterspielen? „Es macht riesigen Spaß, das Publikum zu beeindrucken. Und es ist toll, mal jemand anderes sein zu können“, sagt Josephine. Das findet Nicolai auch: „Es ist zwar ein zeitaufwĂ€ndiges Hobby, aber es ist super, einen großen Applaus zu bekommen. Und es ist toll mit den Leuten hier. Wir kennen uns alle richtig gut und sind fast wie eine Familie.“ Und die hĂ€lt zusammen. Deshalb muss Josephine jetzt wieder ran. Einspringen fĂŒr eine Kollegin, die nicht kommen konnte.

Badische Zeitung, 16.06.2018

Alles in Eigenregie

Vor der Sommerspielzeit gibt es im Amateurtheater im Steinbruch viel zu tun

In Emmendingen spielt das Amateurtheater im Steinbruch ab dem 16. Juni die StĂŒcke „Die drei Musketiere“ nach Alexandre Dumas und „Timm Thaler“ nach James KrĂŒss. Ein Besuch kurz vor Beginn der Sommerspielzeit.

Ruhig liegt der schöne Park vor der FreiluftbĂŒhne. Noch sind die HĂŒtten geschlossen, welche der Bewirtung dienen. Requisiten aus frĂŒheren StĂŒcken machen den Spaziergang auf dem schattigen GelĂ€nde zu einer Entdeckungstour: Ein Drachenkopf vom StĂŒck „Der kleine Ritter Trenk“ (aus 2016) lugt zwischen grĂŒnem Buschwerk hervor, ein mannsgroßes Ziffernblatt aus „Momo“ (2017) lehnt an einer Wand.

Auf einer Leiter stehend zieht BĂŒhnenmalerin Jutta Wefers, die ansonsten im Malsaal des Theaters Freiburg mitwirkt, hochkonzentriert mit ruhiger PinselfĂŒhrung eine schattengraue Linie. Aus einer PlattenflĂ€che wird das Relief einer Kalksteinmauer, wunderschöne Patina zaubert AtmosphĂ€re. Simone Allweyer, die beim KinderstĂŒck Regie fĂŒhrt, streicht derweil mit großer Rolle noch zwei LeinwĂ€nde.

Wer zu den 100 Aktiven der rund 400 Vereinsmitglieder gehört, erfĂŒllt im Lauf des Jahres viele Aufgaben. Jugendliche lernen, wie man mit dem Akkuschrauber umgeht oder bauen ihr Interesse fĂŒr die Veranstaltungstechnik aus. Die dreiteilige BĂŒhne haben neun Bauleute mit vielen Helfern errichtet – multifunktional natĂŒrlich: Was bei den Musketieren ein KĂ€segeschĂ€ft mit goldgelbem, selbst gefertigtem BĂŒhnenkĂ€se ist, verwandelt sich dank einiger Zusatzplatten mit detailreich gemalten Bullaugen bei „Timm Thaler“ in ein Dampfschiff. Damit die Rauchwolken bei den AuffĂŒhrungen beeindruckend aus dem dicken Schiffsschornstein quellen, hat das Bauteam bei der BĂŒhnenkonstruktion eigens ein Rohrsystem verlegt.

In der NĂ€hstube bespricht Regisseurin Allweyer mit Karin Sulzberger die noch fehlenden Accessoires fĂŒr „Timm Thaler“, der im StĂŒck auf abenteuerlichen Wegen sein verkauftes Lachen zurĂŒckgewinnt. „Hier wird man erfinderisch“, kommentiert Sulzberger, die als Industriekauffrau ansonsten vor allem auf Englisch kommuniziert. Seit der TheatergrĂŒndung im Jahr 2002 ist sie im Verein aktiv. Die typische FrĂŒhsommerstimmung ist ihr lĂ€ngst vertraut, wie sie lachend erzĂ€hlt: „Die Anspannung wĂ€chst jetzt von Tag zu Tag, jeder verarbeitet das nach seinem Charakter. Aber nach der Premiere sind alle wieder normal.“

Gegen Abend bevölkert sich auch die BĂŒhne. Nach und nach trudeln die Schauspieler ein, wĂ€rmen sich vor der noch leeren ZuschauertribĂŒne in beeindruckenden Fechtduellen auf. „Die Jungs mussten ihre Haare und BĂ€rte wachsen lassen“, erzĂ€hlt Simone Allweyer und lacht. „Das steht den derben, verratzten Musketieren besser als Kunsthaar.“ FĂŒr die kampfreich inszenierten Abenteuer des jungen Bauernsohns D’Artagnan haben einige Darsteller zusĂ€tzlich ein Fechttraining absolviert.

PĂŒnktlich beginnt die Probe. „Können wir Musik haben?“, ruft Regisseur Benedikt Bachert, der mit dem Theater im Steinbruch aufwuchs und 2015 seine Schauspielausbildung im Freiburger E-Werk abschloss. BĂŒhnentechniker Michael Kraus, der von seinem Platz aus das ganze Geschehen ĂŒberblickt, spielt den Sound zur ersten Kampfszene ein.

In den letzten NĂ€chten vor der Premiere wird er mit Regisseur Bachert den Lichteinsatz der 45 Scheinwerfer planen. SĂ€mtliche MusikstĂŒcke und KlĂ€nge haben diesmal Lena Lapschansky und Benjamin Riesterer vom Emmendinger Tonstudio „Tonpony“ produziert. Die KostĂŒme hat der Verein als Mitglied des Verbandes Deutscher FreilichtbĂŒhnen in Ötigheim (Landkreis Rastatt) ausgeliehen.

Der Sonntag, 10.06.2018