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Ernste Themen, locker gehalten

BZ-INTERVIEW mit Regisseur Benedikt Bachert und Schauspieler Michael Schäfer vom Theater im Steinbruch zu “Street Kids”.

Am 4. Februar hat das Theater im Steinbruch Premiere – im doppelten Sinn: AufgefĂĽhrt wird das StĂĽck “Street Kids” nach Werner Schulte und gespielt wird erstmals im Jugendzentrum. Sylvia-Karina Jahn sprach darĂĽber mit Regisseur Benedikt Bachert (20), der erstmals Regie fĂĽhrt und im “Zivilberuf” ein freiwilliges soziales Jahr beim Kinderschutzbund absolviert, und Michael Schäfer (28), einem der beiden erwachsenen Darsteller im 13-köpfigen Ensemble, der als Buchhändler arbeitet.

BZ: Das StĂĽck “Street Kids” befasst sich mit Themen wie Jugendgewalt und Jugendbanden. Warum haben Sie gerade dieses StĂĽck ausgewählt?
Bachert: Das Stück wurde schon vor zehn, zwölf Jahren mal geprobt; ich glaube, aus Zeitgründen wurde es damals nicht aufgeführt. Aber Gunter Hauß hatte es noch in der Schublade und wir haben uns sehr schnell dafür entschieden. Wir haben viele Jugendliche im Kindertheater, die auch mal was anderes spielen wollten als Märchenfiguren oder Gestalten aus guten Jugendbüchern, eben etwas für Jugendliche in ihrem Alter.
Schäfer: Das Stück beschränkt sich nicht auf das Gewaltthema. Es stammt aus den 80er Jahren und befasst sich auch mit sozialer Kälte, Ausländerfeindlichkeit und der Integrationsdebatte, alles Themen, die gerade für Jugendliche aktuell bleiben. Und auf solche Themen wollten wir den Fokus lenken, auch wenn das nicht die typische Theater-im-Steinbruch-Linie ist, die man kennt.
BZ: Besteht bei dieser Zielsetzung nicht die Gefahr des erhobenen Zeigefingers?
Schäfer: Das Stück dient in erster Linie der Unterhaltung, es gibt viel zu lachen. Aber wer ins Theater geht, kann sich einer Meinungsbildung nicht entziehen. Wir wollen zum Nachdenken anstoßen bei Themen, die uns alle betreffen.
Bachert: Das Stück vereint zwar alle Themen, die in der Jugendarbeit diskutiert werden, aber es ist schön locker gehalten.
BZ: Haben Sie das Stück auf Emmendinger Verhältnisse zugeschnitten oder verändert?
Bachert: Das Stück haben wir schon so gelassen, aber wir haben den Text abgeändert, weil die Jugendsprache nicht mehr den heutigen Ton trifft. Jetzt fallen auch mal härtere Worte, die Spieler haben ihre Spracherfahrungen eingebracht.
Schäfer: Es gibt beispielsweise keine Punker und Popper mehr; man kann sagen, wir haben das Stück adaptiert für unsere Zeit.
BZ: Was mögen Sie an dem Stück besonders?
Schäfer: Es betrifft alle Gruppen. So gibt es in der Straße eine allein stehende ältere Frau und einen Penner, außerdem die beiden Jugendbanden, und alle finden irgendwie zueinander. Aber wie? Das ist die spannende Frage, die in dem Stück aufgelöst wird.
BZ: StĂĽcke fĂĽr Jugendliche werden eher selten gespielt. Woran liegt das? Was sind die besonderen Herausforderungen?
Schäfer: Jedes Stück ist eine Herausforderung. Aber dem Theater im Steinbruch ist die Jugendarbeit wichtig. Die meisten Jugendlichen spielen begeistert Theater – bis zur Pubertät Dann wird das Theaterspielen oft uncool. Aber ein Stück wie dieses, bei dem jeder etwas von seinen eigenen Erfahrungen einbringen kann, ist eben etwas ganz anderes.
Bachert: Es gibt allerdings zu wenig Auswahl an Stücken für Jugendliche. Die meisten erzählen eine standardisierte Mobbing-Geschichte, der Gemobbte bringt sich schließlich um und alle sind furchtbar betroffen. Andere wichtige Themen fehlen oft. Der Penner etwa passt super und lockert das Ganze auf.
BZ: Macht es einen groĂźen Unterschied, ob man fĂĽr Erwachsene, fĂĽr Kinder oder fĂĽr Jugendliche spielt?
Schäfer: Kinder sind am ehrlichsten, sie sagen sofort, ob es ihnen gefallen hat oder nicht, oder sie quengeln – ihr Feedback ist sehr direkt. Als ich in “Angstman” den Pöbelman spielte, hatten sie auch dann noch Angst vor mir, als ich das KostĂĽm abgelegt hatte – vielleicht nicht so toll, aber es zeigt, dass ich alles richtig gemacht habe in der Rolle. Erwachsene sagen oft, ja, gut gemacht, und später erzählen sie manchmal, dass es doch nicht so gut war. Jugendliche liegen so dawischen, denke ich. Man muss ĂĽberzeugender, realistischer sein, weniger Zauber, es muss sie direkt “elektrisieren”.
Bachert: Wir versuchen das Stück auf das Publikum zuzuschneiden. Kinder sehen einen Mann im Tigerkostüm und sagen, da läuft ein Tiger; Erwachsene genießen das Theater. Jugendliche zu packen ist in der Tat eine große Herausforderung. Nur gut, dass unsere Darsteller bis auf die beiden Erwachsenen, die die Oma und den Penner spielen, im richtigen Alter sind, nämlich 13 bis 18 Jahre.
BZ: Das Theater im Steinbruch geht mit der AuffĂĽhrung erstmals ins Jugendzentrum und bietet freien Eintritt. Die GrĂĽnde?
Bachert: Wir möchten es allen ermöglichen zu kommen, wir bekommen den Raum von der Stadt gratis und nehmen dafür keinen Eintritt. Davon abgesehen hätten wir das Stück nicht im Psychiatriezentrum spielen können, die Halle dort ist wunderschön, hat aber nicht die Atmosphäre für dieses Jugendstück und ist zu groß. Das Jugendzentrum ist perfekt, jeder hat da mal ’ne Fete gefeiert und kennt jede Ecke.
Schäfer: Man könnte sich gut vorstellen, dass die Gangs aus dem Stück dort verkehren. Und wir hoffen, mehr Jugendliche zu erreichen.
BZ: Premiere hat auch Ihre Regie, aber ganz ohne Regieerfahrung sind Sie nicht, Sie haben bereits beim Abitheater am Goethe-Gymnasium Regie gefĂĽhrt. Was ist der Unterschied zur Regie im Verein?
Bachert: Das ist etwas komplett anderes. Beim Schultheater haben nur einige etwas Schauspielerfahrung, beim Theater im Steinbruch sind alle seit Jahren dabei. Deswegen kann ich viel schneller in die Rollenarbeit einsteigen und oft reicht ein Stichwort aus den Sprechproben, um klar zu machen, was ich will. Auch sonst läuft es viel professioneller. Da kommen drei Herren und sagen, was für ein Bühnenbild sollen wir dir bauen; oder ich rufe schnell mal an, dass ich eine Oma geschminkt brauche. Aber auch das Abitheater, bei dem man jedes Jahr alles neu machen muss, hat mir viel Spaß gemacht.

Badische Zeitung, 19.01.2011

Auf der Bühne geht’s hart zur Sache

Hier wird nicht um den heiĂźen Brei herumgeredet, es geht knallhart zur Sache bei den “Street Kids”, dem JugendstĂĽck, das das Theater im Steinbruch im Jugendhaus auffĂĽhrt. Dabei geht es um Erpressung und Gewalt – und findet ein ĂĽberraschendes Ende. Ein Probenbesuch.

“Ich hätte gern Schogetten!” sagt Benedikt Bachert, Regisseur des JugendstĂĽcks “Street Kids”, das das Theater im Steinbruch im Jugendhaus auffĂĽhrt. Nein, ihn plagt nicht die Lust auf eine sĂĽĂźe Stärkung, obwohl die Proben zu dem rasanten StĂĽck von allen vollen Körpereinsatz fordern (“wir mĂĽssen rennen, rennen, rennen”, summt ein Mitspieler). Der Ruf nach den mundgerechten Schokohäppchen bezieht sich auf ein Requisit, das die alte Frau im StĂĽck verteilen soll und “Omas essen gern Schogetten”, weiĂź der Regisseur.

Und mehr: “Omas zieh’n erst mal den Rock ’runter,” belehrt er Beate Arnold, die sich als Rentnerin genervt am BĂĽhnenrand niederlässt. Omas Nasch-Vorlieben und Kleidungsetikette sind nicht die einzigen Gebiete, auf denen sich ein Regisseur auskennen muss. “He, nicht schubsen – du willst was von ihr! So kriegst du nie ’nen Euro”, mahnt er den Jungen, der die Frau anpöbeln soll. Das hat Michael Schäfer als Penner schon super drauf, ebenso die sofortige Entschuldigungsbereitschaft eines Menschen, der immer wieder zurĂĽckgestoĂźen wurde. Wenn er den Besoffenen mimt, dann ist das so stimmig, dass jeder den Hinweis des Regisseurs versteht: “Ihr mĂĽsst lauter werden, panisch, aggressiv, so dass der Penner mit der Hacke aufwacht!”

Es geht hart zur Sache auf der BĂĽhne. SchlieĂźlich prallen nicht nur die heile Welt der ehemaligen Ladeninhaberin und das kaputte Leben des Penners aufeinander, sondern auch zwei Jugendgangs, die eine mit einem schon kriminellen AnfĂĽhrer, der vor Erpressung und Raub nicht zurĂĽckschreckt und mehr als ein Vorurteil gegen Ausländer hat, die andere mit eben diesen in ihrer Mitte. Tempo, deutliche Worte und ja, auch Gewalt bestimmen die Handlung ĂĽber weite Strecken. Und das fordert die jungen Schauspieler. Sie sind mit vollem Einsatz bei der Sache, selbst die Folgen eines strapaziösen Zahnarztbesuches hindern nicht daran. Und sie haben eine Menge SpaĂź bei ihrer Aufgabe. “Ihr habt die Energie”, beschwört Bachert sein Team, wenn das gemeinsame Spiel die eigenen Lachmuskeln so sehr kitzelt, dass die im StĂĽck geforderten Aggressionen kaum zu vermitteln sind.

Geprobt haben die jungen Schauspieler, die meisten zwischen 13 und 18 Jahren, seit Anfang Oktober, jeweils sonntags und montags zwei Stunden. Jetzt, kurz vor der Premiere, treffen sie sich jeden Abend, an dem ihnen das Jugendhaus zur Verfügung steht. Kleidung und Requisiten sind einfach, aufwendig verwandelt werden nur der Penner und die Oma, die ja beträchtlich altern müssen. Die Jugendlichen können teils eigene Klamotten einsetzen, teils stamme die Kleidung aus Billigläden, erklärt Bachert.

Vieles muss in dieser Phase noch improvisiert werden; Licht, Schatten und der geplanten BĂĽhnenaufbau, die den Schauspielern wichtige Orientierung geben, fehlen ja noch. Es wird diskutiert, wer wofĂĽr wie viel Zeit braucht und schon wuseln wieder alle durcheinander. “Jetzt kommt eine Szene, die haben wir noch nie richtig geprobt”, sagt Bachert. Die prompte RĂĽckmeldung: “Ich weiĂź nicht, was ich tun soll!” Da lautet die Antwort schon mal “ĂĽberleg’ dir was”. Jeder kann Ideen mit einbringen, obwohl der 20-Jährige, der erstmals fĂĽr das Theater im Steinbruch Regie fĂĽhrt, klare Vorstellungen hat. Die Linie ist da und stimmig, die Akteure kommen schon jetzt authentisch ’rĂĽber. Viel SpaĂź bei der Premiere!

Badische Zeitung, 28.01.2011

Schnell, hart, unsentimental

Sie sind einfach super, die Street Kids, die das junge Team des Theaters im Steinbruch auf die Bühne des Jugendhauses schickt. Das gleichnamige Stück präsentieren sie mit vollem Einsatz und einer fast unglaublichen Bühnenpräsenz. Dazu passt der Ort: Sie spielen fast in ihrem jungen Publikum und haben sofort einen Draht zu ihm.

Schier fĂĽrchten könnte man sich, wenn einem einer wie Otto begegnet, so gemein und verbohrt gibt Johannes Wipfler den “Kotzbrocken”. Und um den Obdachlosen, den Michael Schäfer so lebensnah gibt, dass man ihm den Weg zur Wärmestube weisen wĂĽrde, dĂĽrften wohl viele BĂĽrger einen groĂźen Bogen machen.

Schnell, hart, unsentimental geht es auf der BĂĽhne zu. Gleich die erste Szene zeigt den schier unauflöslichen Konflikt: Otto, Chef der Jugendbande “Yankees”, hat was gegen Ausländer, “Kanake ist Kanake”, auch wenn Tunjai (Raphael SchĂĽler) ihn drauf hinweist, dass er aus Russland stammt. Dann, und das ist sehr typisch fĂĽr dieses von Benedikt Bachert rasant und mitreiĂźend inszenierte StĂĽck, abrupter Szenenwechsel: Auftritt Penner Kurt, der einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten ins Jugendhaus schiebt. Ein bisschen scheu und doch lebensklug zeigt er sich, auch wenn sich die Kids von seinem ständigen “Ich weiĂź da Bescheid” genervt fĂĽhlen. Beate Arnold humpelt als Oma Meier in den Saal, eigentlich möchte man ihr auf die BĂĽhne helfen. Ăśberzeugend bringt sie den Lieblingsspruch älterer Leute an: “FrĂĽher gab’s sowas nicht!”

Die Szenerie wird brutaler; die Warriors, die sich von den Yankees getrennt haben, stĂĽrmen herein, Otto schlägt Oma Meier nieder und raubt ihr die Handtasche. Murielle Meier als Sheila verhindert Schlimmeres, sie behauptet, Polizei sei unterwegs und alle flitzen davon. Doch Otto durchschaut das Manöver und will sich rächen. Tunjai seinerseits will Sheila helfen. Eine ĂĽble Schlägerei scheint unausweichlich, wäre da nicht Penner Kurts unschlagbare Geheimwaffe. Und so passiert zum Schluss ein kleines Wunder – und es besteht nicht nur darin, dass Oma Meier Kurt zum Tanz bittet; denselben Kurt, von dem sie sich anfangs nicht mal auf die Beine helfen lassen wollte. Am besten selber angucken…

Denn all das wird so lebendig präsentiert, dass die Besucher förmlich in das Geschehen hineingezogen werden. Die Schauspieler, die meisten zwischen 12 und 18 Jahren, kennen die Welt, die sie spielen, sie stellen Altersgenossen dar. Ein Kinderspiel ist das nicht, sondern bei allem Spaß an der Sache harte und sauber geleistete Bühnenarbeit. Da steht keiner nur ’rum, jeder trägt zum Geschehen bei und sei’s durch einen entsetzten Blick.

Die Spieler haben keine Zeit zum Luftholen und lassen auch dem Publikum keine. Es geht Schlag auf Schlag und gerade das wirkt so authentisch: Eben noch ängstlich oder voller Wut, gleich darauf mutlos, dann einen coolen Spruch auf der Lippe; jetzt blasiert und bissig, dann wieder einfühlsam – so sind sie halt, möchte man sagen und könnte sich vorstellen, diese Gruppen rund ums Jugendhaus zu treffen. Großes Kompliment! Und das gilt für alle(s). Die drei Monate Proben haben sich gelohnt. Nicht nur spielerisch. Der Umbau wird routiniert auf offener Bühne vollzogen, Licht und Musik passen wie selbstverständlich.

Badische Zeitung, 08.02.2011

„Dett bringt nur Ärjer, wa!“

Ein volles Haus bei der Premiere von „Street Kids“

Am späten Freitagnachmittag erlebten gut 100 Kids im Jugendhaus die Premiere von „Street Kids“, dem diesjährigen Jugendstück des Theaters im Steinbruch.

„So is’ dett Leben, hart aber unjerecht“, tönt der stets betrunkene und ĂĽbelriechende Obdachlose Kurt (Michael Schäfer) mit Berliner Schnauze in der Eröffnungsszene des StĂĽcks. Dass der zunächst frustrierte Penner, der sich seine Welt gerne mit einem Flohzirkus schön malt, im Verlaufe des StĂĽckes zu einem Moralisten wird und die beiden verfeindeten StraĂźengangs „Warriors“ und „Yankees“ auf ungewöhnliche Weise miteinander versöhnt, ahnt im Publikum derweil noch niemand.

Doch der Reihe nach:Otto (Johannes Wipfler) ist Chef der „Yankees“, einer berüchtigten Straßengang. Mit Schlagstöcken und Musik von Aggro-Berlin machen sie die Gegend unsicher und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Als Otto die Aufnahme dreier ausländischer Jugendlicher ablehnt, gründen diese mit weiteren Schulkollegen eine Konkurrenzbande namens „Warriors“.

Ein Handtaschendiebstahl an Oma Meier und ein hinterlistiges Spiel Ottos mit einem weiblichen Bandenmitglied fĂĽhrt dazu, dass eine Schlägerei mit Messern und Schlagstöcken der beiden Banden unmittelbar bevorsteht. Den Fall lösen dann keine Polizisten oder Sozialpädagogen vor Ort, sondern die alte Oma Meier (Beate Arnold), und eben PennerKurt. Kurz vor der Schlägerei lässt er seinen „ausgebildeten Kampffloh“ auf Otto los, der diesen schlieĂźlich niederstreckt. „Ick hab’ doch gleich jesacht, datt dett nur Ă„rjer bringt, wa!“, kommentiert Kurt die Schlussszene.

Ein lustiges Ende in einem eigentlich ernsten Stück, das sich mit Gewalt, Führergehabe, Unterdrückung und Ausländerfeindlichkeit auseinandersetzt. Die Fehde zweier Banden verquickt mit einer Liebesgeschichte lässt zudem gewisse Parallelen zur bekannten Westside Story erkennen. Ingesamt drei Monate lang probten die elf Jugendlichen und zwei Erwachsenen für das Stück. Ein Kompliment gilt zudem dem 20-jährigen Benedikt Bachert, der als Regisseur ein gelungenes Debüt gab.

Emmendinger Tor, 09.02.2011